unveröffentlichtes Manuskript
 

Doris Steenken
(Osnabrück)

Alptraum oder Realität?

Bericht vom Jahr 2000 über einen alptraumhaften Aufenthalt in der Psychiatrie

Ich habe von September 1996 bis Januar 2003 in einer Werkstatt für Behinderte (WfB) gearbeitet, wo man sich sehr über einige meiner Handlungen aufgeregt hatte. Unter dem Vorwand, ich sei suizidgefährdet, haben der Psychologe aus der WFB und weitere Personen eine Zwangseinweisung in ein LKH veranlasst.

Auf der Station habe ich abends mit Mitpatienten in einer gemütlichen Runde gesessen. Dabei erzählte ein Mitpatient mehrere Witze, so dass die ganze Runde laut und herzhaft lachte. Ein Pfleger bekam das mit und fragte uns in einem aggressiven Ton, was der Lärm denn solle. Dabei habe er mich angeschaut und mir gedroht, wenn ich mich nicht am Riemen reißen würde, müsste ich damit rechnen, fixiert zu werden. Damit war die gute Stimmung im Eimer.

Einige Tage später musste ich leider feststellen, dass einer der Pfleger mich im Dienstzimmer als "blondes Ungetüm" tituliert hatte. Darüber habe ich mich geärgert. Vermutlich tat der Pfleger dies deshalb, weil ich zu dieser Zeit sehr kurze blondierte Haare trug. Ich fragte ihn, was das denn solle, mich als blondes Ungetüm zu bezeichnen, ich würde ja auch nicht "hässlicher Vogel" zu ihm sagen. Daraufhin wollte er mich fixieren und holte einige seiner Kollegen dazu.

Zum Glück haben mehrere Mitpatienten die Situation richtig eingeschätzt und setzten sich für mich ein, so das ich erst mal nicht fixiert wurde. Einige Stunden später fragte mich eine Krankenschwester, ob ich Atosil haben wollte. Ich sagte zu ihr, dass ich kein Atosil bräuchte.

Abends gegen 23 Uhr kamen sechs Pfleger in den Aufenthaltsraum, wo wir ferngesehen haben, um mich zu fixieren. Als Begründung wurde angegeben, dass ich das Atosil nicht genommen hatte. Ich wurde auf dem Flur geschleppt, fixiert und bekam eine Diazepamspritze .

Anschließend schoben sie mich in das dunkle Badezimmer wo kein Licht und kein Fenster war.

Ich schrie vor Angst, weil ich die totale Dunkelheit in dem Raum nicht ertragen konnte. Dann kam ein Pfleger und sagte zu mir, wenn ich jetzt noch Neurocil-Tropfen nehme, würden sie die Fixierung in ca. einer Viertelstunde lösen. Also nahm ich das Neurocil, aber ich blieb trotzdem die ganze Nacht fixiert im Bad.

Morgens um ca. 05:30 Uhr wurde ich in das Aufnahme- bzw. Beobachtungszimmer geschoben. Gegen 10:00 Uhr wurde ich endlich von der Fixierung befreit. Danach hatte ich den Wunsch, zu duschen und zu frühstücken. Beides wurde mir in einem barschen Ton verweigert, weil es angeblich dafür zu spät sei.

In der Visite sagte mir der Stationsarzt, dass ich ab sofort das Zimmer nicht mehr verlassen dürfte. Wenn ich rauchen oder zur Toilette gehen wollte, mußte ich das Personal fragen, weil ich das nur noch in Begleitung von Pflegern durfte. Da ich diese Anweisungen nicht nachvollziehen konnte, war ich darüber sehr wütend und entsetzt. Vor Verzweifelung habe ich geweint. Daraufhin kam wieder der Arzt mit mehreren Pflegern und sie wollten mich erneut fixieren, um mir Ciatyl Z Akuphase zu spritzen. Da ich schon von der ersten Fixierung so traumatisiert war und das nicht noch einmal miterleben wollte, ließ ich diese Spritze freiwillig über mich ergehen.

Von den Mitpatienten völlig isoliert, musste ich meine Mahlzeiten im Beobachtungszimmer einnehmen. Wenn ich rauchen wollte, wurde ich mit Beschimpfungen attackiert wie: "Nerve nicht und halt´s Maul, sonst wirst Du wieder fixiert!"

Wenn ich Glück hatte, durfte ich ein- bis zweimal am Tag eine Zigarette rauchen. Nach ungefähr einer Woche durfte ich das Beobachtungszimmer verlassen und wurde auf ein normales Patientenzimmer verlegt. Aus Angst und in der Hoffnung, nie wieder solchen Gewaltattacken ausgeliefert zu werden, habe ich jeden Tag freiwillig den Küchendienst gemacht.

An einem Abend haben wir Patienten mit den Pflegern gekocht. Während des Kochens fehlte angeblich ein Messer. Die Pfleger hatten sofort mich in Verdacht, das ich das Messer geklaut hatte. Deshalb wurde nur ich durchsucht. Obwohl sie bei mir kein Messer finden konnten, haben sie mir den Diebstahl trotzdem untergejubelt. Ich wurde wieder auf das Beobachtungszimmer abgeschoben. Leider nahm der Horror wieder seinen Lauf!

Am gleichen Abend bekam ich noch einen heftigen Krampfanfall, der von den Pflegern einfach ignoriert wurde. Nachdem ich ca. 1 ½ Stunden gekrampft hatte, kam ein Pfleger zu mir und meinte, ich solle mich nicht so anstellen, ich hätte ja nur einen hysterischen Wutanfall.

Ein paar Tage später bekam ich starke Bauchschmerzen, die immer schlimmer wurden. Vor lauter Schmerzen konnte ich nichts mehr essen. Ich äußerte mehrfach den Wunsch, wenigstens einen Kamillentee zu bekommen, damit ich etwas Warmes zu trinken hatte. Das wurde aber einfach ignoriert. Da ich wegen der Bauchschmerzen auch keinen Kaffee bekam, musste ich mich wochenlang mit Leitungswasser im Zimmer versorgen.

Mit Handschellen wurde ich wegen der starken Bauchschmerzen mehrmals in ein nahegelegenes Krankenhaus gefahren, um einige Untersuchungen durchzuführen. Schließlich sollte ich operiert werden, weil ein Verdacht auf Blinddarmentzündung bestand. Außerdem sollten während der OP weitere Untersuchungen gemacht werden.

Einen Tag vor der OP kam eine Psychologin zu mir. Wegen meiner schlimmen Erfahrungen auf der Station meinte sie, das die Bauchschmerzen vielleicht psychosomatisch bedingt wären. Sie machte den Vorschlag, mich sofort auf eine andere Station und ein normales Patientenzimmer zu verlegen, mit der Hoffnung, das dann die Bauchschmerzen verschwinden würden und ich auch dann wieder ganz normal essen könnte. Ich ging auf den Vorschlag der Psychologin ein und der OP-Termin für den nächsten Tag wurde vorerst abgesagt. Ich bekam sogar Schmerzmittel gegen die Bauchschmerzen.

Am nächsten Tag ging es mir schon wesentlich besser und ich konnte sogar eine Scheibe Toast essen. Denn auf der neuen Station wurde ich genauso behandelt wie meine Mitpatienten auch. Ich war sehr erleichtert, und der Psychologin sehr dankbar, dass sie dafür sorgte, das der Horror endlich ein Ende nahm.

Die Erlebnisse auf der vorherigen Station waren für mich so traumatisch, dass ich sogar noch ein Jahr lang mit schweren Albträumen Angstzuständen und starken Schweißausbrüchen zu kämpfen hatte. Schlafen konnte ich nur, wenn der Fernseher im Hintergrund lief. Dies sollte ein Ablenkungsmanöver sein, um keine Albträume mehr zu bekommen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass schlimme Erlebnisse in der Psychiatrie leider nicht auszulöschen sind und einem das ganze Leben begleiten und verfolgen.


Kontakt: Doris Steenken, eMail doris_steenken@yahoo.de