unveröffentlichte Übersetzung aus MindFreedom, USA.
   

Hungerstreik gegen die biologische Psychiatrie

Am 16. August 2003 haben 6 Mitglieder der Support Coalition International, einer amerikanischen Psychiatrie-Erfahrenen-Vereinigung, in Pasadena (Kalifornien) eine Fastenaktion begonnen für Freiheit, gegen Zwang im psychiatrischen Gesundheitssystem.

Anlass war die weitverbreitete Verordnung, teilweise zwangsweise Verabreichung, von psychotropen Medikamenten an Psychiatriepatienten, bei der Menschenrechte verletzt werden, und den Patienten keine Wahl gelassen wird. Begründet wird diese damit, dass der Erkrankung der Patienten eine körperliche Ursache, im allgemeinen eine Stoffwechselstörung, zugrunde liege, die durch die Medikamente behandelt, oder zumindest korrigiert, werde.

Die Hungerstreikenden forderten nun drei große Gesundheitsorganisationen auf, die Wissenschaftlichkeit dieser Behandlung, dass nämlich "psychische Krankheit" überhaupt eine biologische Basis hat, zu beweisen. Sie legten einen Katalog mit fünf Fragen vor und baten um Antwort (Ankündigung des Hungerstreiks).

Die American Psychiatric Association (APA) antwortete letzte Woche mit einem zweiseitigen Brief, der einfach einige Lehrbücher und Namen von Fachzeitschriften auflistete... aber keine spezifischen Untersuchungen. Den Brief der APA kann man hier ansehen:

http://www.mindfreedom.org/mindfreedom/hungerstrike14.shtml

Am 22. August antwortete nun der Wissenschaftliche Beirat des Fastenteams auf das Schreiben der APA.

Dies ist ein historischer Zusammenstoß zwischen einem Team von Wissenschaftlern und der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung.

Die Hungerstreikenden hatten von der American Psychiatric Association (APA) wenigstens einen einzigen Beweis dafür gefordert, dass "psychische Krankheit eine biologische Basis hat."

UNTEN FOLGT DIE ANTWORT DER WISSENSCHAFTLICHEN BEGLEITER DER FASTENAKTION AN DIE AMERIKANISCHE PSYCHIATRISCHE VEREINIGUNG


Von:

MindFreedom
Support Coalition International
454 Willamette, Suite 216
PO Box 11284
Eugene, OR 97440 USA

Tel: (541) 345-9106 Fax: (541) 345-3737
E-mail: office@mindfreedom.org

22. August 2003

An: MedicalDirector@psych.org
James H. Scully, Jr., M.D., Medical Director
American Psychiatric Association
1000 Wilson Boulevard, Suite 1825
Arlington, VA 22209-3901

Sehr geehrter Herr Dr. Scully,

David Oaks, Vorsitzender von MindFreedom hat Ihre Antwort vom 12. August 2003 an die Hungerstreikenden, die an dem "Fasten für Freiheit in Sachen seelischer Gesundheit" beteiligt sind, an uns weitergeleitet. Wir sind ein Beirat aus 14 Akademikern und Klinisch-Tätigen, die sich bereit erklärt haben, jede solche Antwort auf ihre wissenschaftliche Gültigkeit hin zu prüfen.

Die Hungerstreikenden baten ihre Organisation sowie den Leiter der Gesundheitsbehörde und die National Alliance for the Mentally Ill um:

  1. Beweise dafür, dass "Schizophrenie", "Depression" oder andere "seelische Grunderkrankungen" "biologisch bedingte Gehirnkrankheiten" sind;

  2. einen physikalischen diagnostischen Nachweis, der zuverlässig zwischen Individuen mit diesen Diagnosen (vor einer Behandlung mit Psychopharmaka) und solchen ohne diese Diagnosen unterscheiden kann;

  3. einen messbaren Vergleichsstandard, mit dem ein neurochemisch ausbalanciertes "normales" Individuum von einem "neurochemisch nicht ausbalancierten" unterschieden werden kann;

  4. einen Beweis, dass irgendein psychoaktives Medikament die "Störung des chemischen Gleichgewichts" korrigieren kann, die laut psychiatrischer Diagnose vorliegen soll.

  5. einen Beweis für die Behauptung, dass irgendein psychoaktives Medikament die Wahrscheinlichkeit für Gewalt oder Selbstmord zuverlässig verringert.

In ihrer Antwort wurden keinerlei spezifische Studien zitiert, die einen Bezug zu einer der oben genannten Fragen haben. Sie haben drei allgemeine Quellen, darunter den Bericht der Gesundheitsbehörde über seelische Gesundheit, und zwei Lehrbücher der Psychiatrie zitiert.

Bei der Prüfung dieser Quellen fanden wir zahlreiche Äußerungen, die die Annahme wiederlegen, dass Verhaltensweisen, die als "seelischen Krankheiten" bezeichnet werden, spezifisch biologische Grundlagen haben:

Mental Health: A Report of the Surgeon General (1999) bestreitet ausdrücklich die Existenz spezifischer physiopathologischer Befunde:

Seite 44: "Die Diagnose seelischer Störungen hält man oft für schwieriger als die körperlicher oder allgemein medizinischer Art, weil es keine definitive Schädigung, keinen Labortest, keine Abweichung im Hirngewebe gibt, anhand derer man die Krankheit identifizieren kann."

Seite 48: "Es ist nicht immer einfach, den Beginn einer seelischen Störung festzustellen, insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass die Symptome seelischen Leidens recht allgemein verbreitet sind und objektive körperliche Symptome fehlen."

Seite 49: "Die genauen Ursachen seelischer Störungen (Etiologie) sind nicht bekannt."

Seite 51: "Allzu oft wird eine biologische Veränderung im Gehirn (eine Schädigung) als Ursache einer seelischen Störung vermutet ... [aber] es ist eine Tatsache, dass ein einfaches Zusammentreffen - oder eine Korrelation - für sich genommen keine Verursachung darstellen kann und auch nicht darstellt."

Seite 102: "Nur wenige Schädigungen bzw. physiologische Abnormitäten manifestieren seelische Störungen, und in den meisten Fällen bleiben ihre Ursachen unbekannt."

In der dritten Ausgabe des Lehrbuches für Klinische Psychiatrie (1999) finden wir ähnliche Aussagen:

Seite 43: "Obwohl für viele psychiatrische Störungen zuverlässige Kriterien formuliert worden sind, ist die Zuordnung diagnostischer Kategorien zu spezifischen Krankheitsbildern bisher nicht anerkannt."

Seite 51: "Die meisten dieser [genetischen Studien] prüfen Kandidatengene für die Serotoninpfade, und haben keine schlüssigen Beweise für einen Zusammenhang gefunden."

In Andreasen und Black's (2001) Introductory Textbook of Psychiatry finden wir im Kapitel über Schizophrenie:

Seite 23: "Auf den Gebieten der Pathophysiologie und der Etiologie gibt es in der Psychiatrie mehr unkartiertes Gelände als in der übrigen Medizin ... Viele laufende Forschungsbemühungen in der Psychiatrie sind auf das Ziel gerichtet, die Pathophysiologie und Etiologie der wichtigsten seelischen Erkrankungen zu identifizieren, aber dieses Ziel wurde nur für einige wenige Störungen erreicht (Alzheimer-Erkrankung, Multi-Infarkt-Demenz, Huntington-Erkrankung sowie substanzeninduzierte Syndrome wie durch Amphetamine ausgelöste Psychosen oder Wernicke-Korsakoff Syndrom)."

Seite 231: "Wegen des Fehlens sichtbarer Schädigungen und bekannter Krankheitsursachen wendeten sich die Forscher der Erforschung von Modellen zu, die die Verschiedenartigkeit der Symptome durch einen besonderen kognitiven Mechanismus erklären können."

Seite 450: "Viele in Frage kommende Regionen [des Gehirns] sind [im Hinblick auf Schizophrenie] untersucht worden, aber keine davon konnte bestätigt werden."

Da Sie ohne Zweifel mit den Lehrbüchern, die Sie zitiert haben, vertraut sind, werden Sie zustimmen, dass diese Aussagen Behauptungen über spezifische und verlässliche biologische Ursachen oder Anzeichen "seelischer Krankheiten" wiederlegen. Nach dem Urteil der Beiratsmitglieder verfehlt ihre Antwort das Ziel, einen klaren Nachweis dafür zu liefern oder ihn zu zitieren, dass irgendein spezifischer pathophysiologischer Befund "einer seelischen Störung" ursächlich zugrunde liegt.

Sie haben uns weiterhin auf 60 Bände von Archives of General Psychiatry und 160 Bände von The American Journal of Psychiatry verwiesen. Der Brief vom 28.Juli 2003, den die Hungerstreikenden und der Beirat als signierte Mail an sie schickten, stellt fest:

"Wir sind uns im Klaren darüber, dass Forschungsstudien auf tausende von Seiten anwachsen können. Deshalb antworten Sie bitte nur mit den Studien, die aus Ihrer Sicht am besten geeignet sind, Ihre Behauptungen und Theorien mit dem aktuellen Wissensstand zu stützen. Wenn Sie mit Beweisen antworten, belegen Sie diese bitte mit Zitaten aus den Originalveröffentlichungen oder Kopien dieser Publikationen."

Wie Sie, sind wir mit dem Material in diesen Zeitschriften vertraut. Es ist verständlich, warum Sie keine Zitate vorlegten. Es gibt nämlich keine einzige Studie, die valide und zuverlässig die `biologische Basis seelischer Erkrankung´ nachweisen kann.

Die Mitglieder des Beirats möchten einige weitere Bemerkungen machen, die, so hoffen wir, der American Psychiatric Association dabei behilflich sind, eine ehrenhafte wissenschaftliche Stellungnahme mit Bezug auf die Fragen der Hungerstreikenden abzugeben.

Nach Ansicht des Beirats sind die Fragen, die die Hungerstreikenden gestellt haben, seriös und fair. Diese Fragen sind berechtigte Fragen, die jeder Patient, jedes Familienmitglied, oder jeder Interessierte einem Psychiater stellen kann, oder jeder Student seinem Professor. Der Beirat war deshalb sehr bestürzt, dass Sie als medizinischer Direktor des weltweit größten, wohlhabendsten und an Hilfsquellen reichsten Psychiaterverbandes keine passendere oder substanziellere Antwort vorweisen konnten als den Hinweis: "Lest unsere Lehrbücher."

Falls, wie Sie schreiben, "die Antworten zu den [obigen] Fragen in der wissenschaftlichen Literatur allgemein verfügbar [sind], und das seit Jahren", dann geziemt es sich für Ihre Organisation, diese Antworten und ihre genauen Quellen - falls sich diese von unseren Zitaten unterscheiden - unverzüglich verfügbar zu machen.

Die Beiratsmitglieder kommen nicht umhin, den Gegensatz festzustellen zwischen den klaren Fragen der Hungerstreikenden nach der Wissenschaftlichkeit der Psychiatrie, die dabei bewusst Risiken im Namen des Schutzes der Unversehrtheit von Psychiatrienutzern eingingen und der American Psychiatric Association, die einer Klärung der Frage ausweicht, welche aktuellen wissenschaftlichen Beweise ihre Autorität legitimieren. Dadurch, dass Sie keine spezifischen Antworten auf die Fragen der Hungerstreikenden geben, bestätigen Sie, so scheint es, die Berechtigung des Hungerstreiks.

Hochachtungsvoll

Fred Baughman, MD
Mary Boyle, PhD
Peter Breggin, MD
David Cohen, PhD
Ty Colbert, PhD
Pat Deegan, PhD
Al Galves, PhD
Thomas Greening, PhD
David Jacobs, PhD
Jay Joseph, PhD
Jonathan Leo, PhD
Bruce Levine, PhD
Loren Mosher, MD
Stuart Shipko, MD

Die Hungerstreikenden schließen sich der Stellungnahme des wissenschaftlichen Beirats an.