Aus der ›Psychosozialen Umschau‹, ca. 1998
   

Karin Haehn

Selbsthilfe – wie sie funktioniert und was sie bewirkt – Beispiel Oberbayern

Ehe ich erwerbsunfähig berentet wurde, war ich Krankenschwester. Seit nunmehr drei Jahren engagiere ich mich in fast jeder freien Stunde auf drei Ebenen der Psychiatrie-Bewegung.



Die erste Ebene meines Agierens ist die Selbsthilfegruppe, dazu gehören die vielen Anrufe von Betroffenen, die Auswege aus ihrer Situation suchen. Das ist für mich die Basis. Ich finde dort das Gespräch mit Gleichbetroffenen, wo einer am anderen erkennt, ob sein Gesprächspartner Zuwendung oder professionelle Hilfe benötigt. Das setzt voraus, dass Vertrauen entwickelt wird. So lernen wir auch, einander um Hilfe zu bitten. Ebenso müssen wir lernen, auf die Frühwarnzeichen unserer Krankheit zu hören, damit wir rechtzeitig gegensteuern oder einen Arzt aufsuchen. Wenn die Psychose uns erst einmal richtig gepackt hat, dann bleibt oft nur noch die Flucht, oder was noch schlimmer ist, die Zwangseinweisung in die Psychiatrie.

Damit es dort ohne entwürdigende Gewalt zugeht und der Klinikaufenthalt möglichst zur heilsamen Erfahrung im Leben der Betroffenen wird, arbeite ich auf der zweiten Ebene der Landesarbeitsgemeinschaaft Psychiatrie-Erfahrener Bayern mit. Im Mai 96 habe ich sie mit beratender Hilfe des Dipl.-Psychologen Ulrich Seibert ins Leben gerufen. Seither treffen wir uns alle drei Monate, um mit den stabilen Psychiatrie-Erfahrenen Bayerns die Probleme vor Ort zu besprechen und um gute Wege zu finden, bei der Psychiatrie-Reform mitzuwirken. Es geht uns darum, notwendige Psychiatrie-Aufenthalte so kurz wie möglich zu halten und hilfreiche ambulante Therapien zu bekommen. Wichtig ist uns auch, dass die Entstehung ambulanter Einrichtungen im Gegenzug zur Enthospitalisierung zügig vorangeht. Dabei mischen wir uns ein. Wir melden uns in den psychosozialen Arbeitsgemeinschaften und im Gemeindepsychiatrischen Verbund (GPV) zu Wort und schreiben Leserbriefe und Zeitungsartikel. Wir wollen das negative Behindertenbild zurechtrücken. Dabei ist es hilfreich zu wissen, dass in ganz Bayern Psychiatrie-Erfahrene für die gleichen Ziele kämpfen.

Die dritte Ebene ist der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. Es gibt ihn seit Oktober 92. Ich gehöre ihm seit drei Jahren an. Vor zwei Jahren wurde ich als bayerische Delegierte in den erweiterten Vorstand gewählt. Der Verband hat inzwischen 670 Mitglieder, alles Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung. Bei unseren Treffen berichten wir uns gegenseitig, was an unserer Basis passiert und woran unsere Länderzusammenschlüsse gerade arbeiten.

Aus dieser Solidarität nehme ich den Mut, mich in meiner Region für größere Projekte einzusetzen, denn ich habe ja die Erfahrungen der anderen Länder (die meist schon weiter als Bayern sind) vor Augen. So habe ich unlängst mit dem Psychiater von Agatharied (unsere neue psychiatrische Klinik) ein Papier für eine Behandlungsvereinbarung erarbeitet. Das bedeutet, dass in Zukunft jeder Psychiatrie-Erfahrene, der sich in dieser Klinik einer stationären Behandlung unterziehen muss, vorsorglich mit seinem ihn dort behandelnden Arzt eine Behandlungsvereinbarung abschließen kann. Dieses ist eine auf beiden Seiten Vertrauen bildende Maßnahme.

Ebenso wichtig ist die Möglichkeit, Klagen loszuwerden, wenn es einmal Probleme gibt. So gelang es mir, im Gemeindepsychiatrischen Verbund (GPV) des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen einen Antrag zur Errichtung einer Beschwerdestelle einzubringen. Der Antrag wurde angenommen. Nun können alle Nutzer psychiatrischer Einrichtungen, sei es aus Agatharied, einer Wohngemeinschaft oder Tagesstätte, eines Pflegeheims, des Sozialpsychiatrischen Dienstes ihre Klagen vorbringen. Ebenso, wenn sie mit ihrem Betreuer Schwierigkeiten haben, wird der GPV sich bemühen, eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden.

Für mich persönlich schöpfe ich aus all dieser Selbsthilfearbeit: Wissen über meine Krankheit und ihre Behandlung und Information über meine Rechte. Außerdem gute Kontakte zu Psychologen, Psychiatern, Sozialpädagogen, Betroffenen und Angehörigen. Ein gutes Beispiel dafür ist dieses Referat, ich hielt es in Murnau im Rahmen der Volkshochschule an einem Abend unter dem Motto: »Leben mit psychisch Krankheit«. Die Leitung hatte der SpDi Garmisch, Ulrich Seibert, eine Angehörige und ich als Betroffene. Die Zuhörer waren sehr interessiert und stellten viele Fragen. Es war ein guter Abend, der ganz deutlich an dem negativen Behindertenbild gerüttelt hat.