Nachdruck eines Aufsatzes aus KONTAKTE, Angehörigenzeitschrift aus Gütersloh, mit dem sich Dr. Theiß Urbahn von der Westf. Klinik Gütersloh verabschiedet. Veröffentlicht wird in der Hoffnung auf sein Einverständnis
   

Theiß Urbahn

Abschied von Gütersloh

»Wer kämpft, kann verlieren,
wer nicht kämpft, hat schon verloren.«
Bertolt Brecht

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Liebe Freundinnen und Freunde!

Die Zeit ist da mich zu verabschieden. Wie Sie wissen, war es dem LWL im Arbeitsgerichtsverfahren 200.000 DM wert, mich zum 30. April 2000 loszuwerden.

Wovon nehme ich Abschied?

Von einer psychiatrischen Klinik, die seit ihrem Beginn 1919 (die Nazizeit ausgenommen) etwas Besonderes war, in der eigene Wege unabhängig von der akademischen Hochschulpsychiatrie entwickelt wurden.

Als ich im September 1986 die ärztliche Leitung der Abteilung Klinische Psychiatrie II übernahm, fand ich ein Landeskrankenhaus vor, das sich unter der Leitung von Klaus Dörner daranmachte, zwei der drei größten Fehlentwicklungen der deutschen Psychiatrie zu korrigieren:

  • Auflösung des Langzeit- und Geistig-Behinderten-Bereichs, indem möglichst alle diese Menschen in Einrichtungen ihrer Heimat entlassen wurden.-

  • Konsequente Hinwendung zu den zu versorgenden Gemeinden (Sektionisierung, Ambulantisierung) mit dem dazu erforderlichen freien und öffentlichen Diskurs inner- und außerhalb der Klinik (es gab keine »Betriebsgeheimnisse« und hierarchischen Informationsgefälle mehr).

Die dritte große Fehlentwicklung zu korrigieren, machte ich dann zu meiner Aufgabe: Veränderung und Überwindung der traditionellen Akutpsychiatrie (Sammlung Akutkranker in geschlossenen Aufnahmestationen, die damit symptomverstärkende und gewalterzeugende »Dampfkessel« waren).

Es ging um das bislang in Deutschland erstmalige Wagnis, die wesentlichen Elemente der Soteria in allgemein-psychiatrischen Stationen mit sektorisierter Pflichtversorgung umzusetzen, und das in den Strukturen eines klassischen Großkrankenhauses! Dazu entwickelte ich sozialpsychiatrisch begründete Bedingungen (die auch dazu beitrugen, den anfangs sehr skeptischen Klaus Dörner umzustimmen). Wir begannen zunächst mit der Station HSH II 1992.

Die Veränderungen sollen ausnahmslos allen, also gerade den schwierigsten psychisch Kranken der Versorgungsregion zugute kommen, was Selektion ausschließt, also:

  • Aufnahme aller erwachsenen Patienten des Sektors ungeachtet formaler Diagnosen (ausgenommen solche, für die die Abteilungen Gerontopsychiatrie und Sucht zuständig sind)-

  • Keine Verlegungen bis zur Entlassung ungeachtet der Problematik und Verweildauer-

  • Keine Sonderstellung hinsichtlich personeller und sächlicher Ausstattung

Durch diese Gleichstellung konnte die Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit auf andere Stationen ermöglicht werden. Zugleich war damit klargestellt, dass wesentliche Verbesserungen nicht durch Techniken und Sondermittel, sondern allein durch persönliche Haltungen, also qualitative Veränderungen bei den Mitarbeitern (angefangen bei den Leitungsverantwortlichen), zu erreichen waren.

Bereits 1996 konnten wir über erfreuliche Ergebnisse berichten: deutliche Veränderung des Stationsklimas zugunsten einer freundschaftlichen Gemeinschaftsatmosphäre; steigende Akzeptanz der Station durch Betroffene und Angehörige (freiwillige Wiederaufnahmen); erheblicher Rückgang von Zwangsmedikationen und Fixierungen (nur etwa 10% gemessen an vergleichbaren Stationen); durchgehend offene Stationstür auch bei Zwangseinweisungen; steigende Arbeitszufriedenheit und Identifikation bei den Mitarbeitern.

Diese Erfolge stießen rasch auf ein breiter werdendes Interesse in Deutschland und darüber hinaus, was sich in zahlreichen Anfragen zu Vorträgen, Artikeln und Hospitationen zeigte. Das Wichtigste aber war, dass bei den Mitarbeitern der beiden anderen Stationen (Fritz-Leßner-Haus I und II) die Bereitschaft wuchs, ebenso arbeiten zu wollen.

Die Zeit war reif und der Mut genügend groß, die Erfahrungen zu einem für die ganze Abteilung gültigen Konzept werden zu lassen, wobei die Vertreter der Betroffenen und Angehörigen natürlich zu beteiligen waren.

Mit dem Inkrafttreten des Abteilungskonzeptes im Oktober 1997 begann das großartige Abenteuer, dass sich zwei bislang eher traditionell arbeitende Stationsteams daranmachten, mit der Veränderung ihrer Arbeit auch sich selbst zu verändern, wie es das Leitbild fordert:

»Wir verstehen psychische Krankheit als Ausdruck einer seelischen Krise, in der Körper, Psyche und die soziale Umgebung des Menschen betroffen sind. Sie fordert individuelle Begleitung und Dasein für den Betroffenen. Das Durchleben einer seelischen Krise, einer »Verrücktheit« kann eine sinnvermittelnde Erfahrung sein, so dass auch die Suche nach Sinn und die Verarbeitung der dazugehörigen Lebensgeschichte gemeinsam mit den Patienten zu unserem Bemühen gehört.

Hier geht es uns vor allem darum, dass alle an einem psychischen Leiden beteiligten Menschen (Patienten, Angehörige/Bekannte, Professionelle usw.) aufhören, einander als Objekte zu behandeln; dass sie vielmehr beginnen, sich selbst und die anderen in ihrer Subjektivität ernst zu nehmen; und dass alle Beteiligten lernen, selbstbewusster und gleichberechtigt miteinander umzugehen.

Hierzu greifen wir Elemente der »Soteria« auf, wobei diese sowohl Mittel als auch Haltungen in unserer Arbeit sind. Soteria bedeutet Geborgenheit, Sicherheit und Befreiung.

Demgemäß erfordert die Behandlung akut psychisch kranker Menschen mit ihrer besonderen Verletzlichkeit eine Atmosphäre der Beruhigung, Entspannung und Abschirmung vor überfordernden Reizen bei gleichzeitig tragender Beziehung.

Besonders das »weiche Zimmer« wird für diese Begleitung und andere Behandlungsangebote genutzt.

Wir bemühen uns um klare Verantwortungsstrukturen bei gleichzeitig kollegialer und gleichberechtigter Zusammenarbeit der Berufsgruppen. Die beinhaltet auch klare Informationen für alle: Patienten, Angehörige und alle Mitarbeiter der Abteilung.

All diese Bemühungen stoßen aber schnell an die Grenzen der Funktionsgesetze des Krankenhauses (Hierarchie, Machtstrukturen, Dominanz der Medizin, Ökonomisierung) und der Eigendynamik der Stationen (»Stationsordnung«) mit der Folge falscher und krankheitszentrierter Wahrnehmungen und Haltungen bei Mitarbeitern, Patienten, Angehörigen u.a.

Dies wollen wir durchbrechen durch die Stärkung der Autonomie der Abteilung und die Hinwendung jeder Station auf eine umschriebene Region (Subsektorierung) mit Pflichtversorgung von der Aufnahme bis zur Entlassung. Dadurch wird nicht das Krankenhaus und die Krankheit, sondern die soziale Situation und das Lebensfeld des Patienten in den Vordergrund gerückt. Es entsteht bei den Mitarbeitern ein patientenorientiertes regionales Bewusstsein.

Wir wollen versuchen, einen hohen Grad von Vertrautheit mit der Lebenswelt von Patienten, Angehörigen und dortiger Bevölkerung zu erreichen, so dass sich die Perspektive von der Krankheit auf die Person (Subjektivität) des Patienten mit seinem sozialen Kontext verlagert.

Durch eine solche Änderung der Sozialdynamik auf den Stationen (einschl. Tagesklinik) zusammen mit dem Bezugspersonensystem entstehen gefühlsmäßige Beziehungen, werden Selbsthilfepotentiale und Lernprozesse bei allen Beteiligten mobilisiert. Die Patienten werden selbstbewusster und anspruchsvoller, zugleich wird die Verarbeitung des Krankheitsgeschehens gefördert.

In dieser Entwicklung der Stationen entsteht eine neue Rangordnung: Selbsthilfe vor Fremdhilfe, nicht-professionelle Hilfe vor professioneller Hilfe, Patientenbedürfnisse vor institutionellem Interesse.

Die möglichst weit gehende Orientierung an der natürlichen außerstationären Lebenssituation der Patienten kann daher nur ein Schritt sein auf dem Weg der Auflösung bisheriger Krankenhausstrukturen in Richtung wohnortnaher Kriseninterventionseinrichtungen (z.B. pensionsartige Krisenwohngruppen) unter Beteiligung aller Betroffenen der Region. Diese Orientierung dient also der geistigen, strukturellen und materiellen Ambulantisierung psychiatrischer Krisenhilfen.

Die Abteilung soll sich qualitativ so entwickeln, dass sie zum Maßstab werden kann für die Abteilungen, die die Kreise Herford und Lippe zur Vervollständigung ihrer Gemeindepsychiatrie in einigen Jahren planen, was zugleich das Ende dieser Abteilung bedeuten wird.


Vorläufiges Resümee

1. Möglichkeiten

Wir konnten zeigen, dass wesentliche Elemente des Soteria-Konzeptes innerhalb traditioneller Strukturen eines psychiatrischen Großkrankenhauses mit Pflichtversorgung integrierbar sind und zu erstaunlichen Verbesserungen stationärer Psychiatrie führen, ohne Mehrkosten. Davon profitieren alle Patienten, am meisten gewiss die mit einer schizophrenen Psychose. Wir konnten erleben, dass Menschen mit wahnhaften und manischen Symptomen, aber auch Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen und selbst hirnorganisch gestörte Patienten von dem Gesamtmilieu und der Begleitung im weichen Zimmer profitieren. So bietet das weiche Zimmer für solche Menschen neben Möglichkeiten des Reizschutzes auch Möglichkeiten des Auslebens von Gefühlen wie Wut, Aggression u.ä.. Das Gesamtmilieu wirkt spannungsmindernd und ermöglicht oft Verhinderung oder Reduktion von Gewalt.

Gleichermaßen haben Angehörige und Professionelle einen Nutzen davon. Die Überzeugungskraft der Verbesserungen ist so groß, dass die Verbände der Psychiatrieerfahrenen und der Angehörigen, aber auch zunehmend mehr Professionelle, landesweit die Übernahme und Weiterentwicklung dieses Konzeptes fordern (wie übrigens auch die Krankenhaus- und Sozialausschüsse unserer Sektorgemeinden, Kreis Herford und Kreis Lippe).

Als die wesentlichen Wirkfaktoren haben sich nicht diagnostisch-therapeutische Techniken und somatische Verfahren (Psychopharmaka) erwiesen, sondern verbesserte Beziehungsqualitäten in einem an außerklinischer Normalität und individuellen Bedürfnissen orientierten Milieu.

2. Voraussetzungen und Grenzen

Wie jedes andere auf Humanisierung und Emanzipation zielende Reformvorhaben haben auch wir uns mit politisch-ökonomischen Verhältnissen auseinander zu setzen. Dies um so mehr nach der Pensionierung von K. Dörner im November 1996, der es durch seine überzeugende Persönlichkeit fertig brachte, uns den demokratischen Freiraum zu erhalten, der für solche Veränderungen unabdingbar ist.

Seit seinem Weggang schlagen die Strukturen des Krankenhauses und seines politisch ums Überleben kämpfenden Trägers zunehmend durch:

Zentralisierung und Hierarchisierung von Informationen und Entscheidungen, Ökonomisierung aller Planungen mit dem Ziel des Bettenerhalts statt weiterer Ambulantisierung und Regionalisierung. Seit der Ersetzung des bisherigen ärztlichen Abteilungsleiters (Th. Urbahn) im Mai letzten Jahres halten auch das medizinische Modell und die Re-Medikalisierung (Betonung der ärztlichen Kompetenz zu Lasten der anderen Berufsgruppen) wieder Einzug, mit ihnen auch die Pharmaindustrie. Das alte mechanistisch-materialistische Krankheitskonzept Kraepelins kommt im »modernen« Gewande der »evidence based medicine« daher, d.h. Forschung und Praxis werden bestimmt von den naturwissenschaftlich reduzierten Messmethoden der Pharmaindustrie (z.B. die sogenannte Lebensqualität-Forschung der Fa. Lilly). Das ist der überwunden geglaubte Weg der Biologisierung des Sozialen (für jedes Leiden das »geeignete« Medikament). Der damit einhergehenden Verstümmelung der Beziehung zu Patienten und Angehörigen folgt die Selbstverstümmelung der Ärzte und Pflegenden. All dies trifft das Grundanliegen unseres Konzeptes ins Mark und bedroht es.

Haben wir zu viel zu schnell gewollt, indem wir die Psychiatrie als Ordnungsmacht und damit die Krankenhausstrukturen in Frage gestellt und die akademische Hochschulpsychiatrie herausgefordert haben?

Trotz alledem: In dem Maße, wie Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Mitarbeiter das Soteria-Konzept zu ihrem Anliegen gemacht haben und dafür streiten, wird es nicht mehr ganz rückgängig zu machen sein, sondern sich weiterentwickeln hier und anderen Orts. Fest steht: Die Erfolge unseres Konzeptes waren und sind nur möglich in einer demokratischen, offenen Streitkultur ohne Angst, mit der Bereitschaft Aller (voran der Leitungsverantwortlichen), sich persönlich auf vertrauende Beziehungen zu Betroffenen, Angehörigen und Mitarbeitern einzulassen und mit dem Mut, die Grenzen einengender Vorschriften und Gesetze kalkuliert zu überschreiten. Anders ausgedrückt: Für mich als Professionellen in leitender Position galt und gilt der Grundsatz, dass ich nicht allen Interessen gleich gerecht werden kann und daher meine Loyalität ungleich verteile:

Zuerst kommen die Betroffenen und Angehörigen; dann kommen die Mitarbeiter; zuletzt kommen die Vorgesetzten und Träger.Dies mag den letztgenannten nicht gefallen und zu meiner Ablösung beigetragen haben, damit musste ich rechnen. Aber so konnte ich für mich sehr wertvolle Erfahrungen tiefer Beziehungen zu Betroffenen, Angehörigen und Mitarbeitern machen, die weit über gewöhnliche Arbeitsbeziehungen hinausgingen. Das zeigte sich auch in den vielen solidarischen Erklärungen und Ermutigungen der vergangenen zwölf Monate. Dafür danke ich Ihnen herzlich!

Vielleicht sehe ich den einen oder anderen wieder, wenn es mir gelingt, in Berlin eine Soteria aufzumachen?

Ich grüße Sie mit guten Wünschen!
Ihr Theiß Urbahn