Rede bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie, Magdeburg, 22.-24. November 2001
   

Carola Feindt

»Wer nicht kämpft, hat schon verloren«

Anmerkungen zur Überwindung des Reformstaus

Unter der Fragestellung »Wann geht die Psychiatriereform in den neuen Bundesländern los?«, erläuterten VertreterInnen aus der Angehörigen-, Profi- und Psychiatrie-Erfahrenen-Bewegung auf der DGSP-Jahrestagung in Magdeburg ihre Sichtweise. Hier der Vortrag der Rednerin vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, die nach langjähriger eigener Erfahrung in und mit der Psychiatrie in der Selbsthilfebewegung aktiv ist.

Mein Name ist Carola Feindt, ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und zwei Enkelkinder, aufgrund eines Unfalls/Suizidversuchs bin ich berentet. Seit 1993 bin ich Mitglied im Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen (BPE) und seit 1996 im erweiterten Vorstand des BPE als Sprecherin für das Land Sachsen-Anhalt.

In der Zeit von 1988 bis 1992 war ich dreimal in der stationären Psychiatrie aufgrund von Depressionen und psychotischen Begleiterscheinungen, wobei ich beim ersten Aufenthalt nach drei Tagen mein Leben beenden wollte. Ich sah für mich keine Besserung, keine Beachtung, und die Erlebnisse versetzten mich in Panik und Angst.

Der Sprung aus dem Fenster glich einer Flucht. Er hinterließ für mich bleibende körperliche Schäden. Aber auch die schon kranke Seele erlebte noch mehr an Verletzungen, die bis heute nicht vergessen sind. Diese Verletzungen begleiten uns als Betroffene/Erfahrene meist ein Leben lang.

Ich nehme seit 1992 keine Psychopharmaka mehr, hatte bis heute keinen Schub mehr. Ich fühle mich als Erfahrene, nicht mehr als Betroffene. Der Ausstieg war für mich wichtig, da mir die Nebenwirkungen der Medikamente die Lebensqualität genommen haben und sich meine Persönlichkeit verändert hatte.

Meine Tochter war seit 1992 ebenfalls von ›dieser Krankheit‹ betroffen, kam 1993 in die Psychiatrie, wurde mit fünf Medikamenten entlassen (u.a. Lithium). Wir setzten diese mit ihrem Einverständnis allmählich nach einem halben Jahr ab. Im letzten Jahr durchlebte sie eine Psychose, die ein Vierteljahr andauerte. Ihr Partner und ich begleiteten sie beim Durchleben ihrer Krise, ohne Medikamente, ohne Nervenarzt – zu Hause. Das war ihr Wunsch. Sie ist bis heute beschwerdefrei und nimmt keine Psychopharmaka.

Es war für unsere Familie eine sehr schwere Zeit, es gehörte viel Mut, große Selbsterfahrung, ja sogar manische Energie zur Überwindung dieser Krise. All das konnte auch nur durch die große Unterstützung ihres Partners und den eigenen Willen, nicht wieder in die Psychiatrie eingewiesen zu werden, gelingen.

Mein Vater durchlebte 1995 fünf Monate eine manische Krise, auch zu Hause – ohne Medikamente. Hier waren die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen und die bis dahin erworbenen Einblicke in die Psychiatrie durch Literatur von Nutzen, einen Ausstieg ohne Medikamente aus dieser Situation zu schaffen. Sie können sich sicher vorstellen, welchen Stress, welche Kraft und welchen Mut die ganze Familie wieder auf sich nahm.

Aufgrund meines Ausstiegs und der Erfahrungen, die ich in der Krankheit machen konnte, gründete ich 1993 die Selbsthilfegruppe »Depressionen und Angst«. Diese Gruppe hat, durch die Vermittlung der ansässigen Psychologen und Ärzte, jetzt so großen Zuspruch, dass sie zu groß wurde und geteilt werden musste.

An den Gruppennachmittagen suchen wir gemeinsam nach Lösungen für unsere Probleme und Sorgen. Wir tauschen Adressen aus. Jeder Betroffene oder Angehörige hat die Möglichkeit, bei Bedarf zu jeder Tages- und Nachtzeit anzurufen, Termine zu vereinbaren, Erfahrungen telefonisch oder persönlich auszutauschen oder beraten zu werden. Es hat sich ein soziales Netzwerk gebildet. Sehr wichtig ist dabei auch die Aufklärung der Angehörigen – zu erfahren, wie bei ›dieser Krankheit‹ Körper, Geist und Seele eine Einheit bilden.

Psychiatrie nach der Wende?

Nun zu dem mir gestellten Thema: Wann geht die Psychiatriereform in den neuen Bundesländern los? Die visionäre Fähigkeit zu einer Antwort besitze ich leider nicht, aber ich weiß, dass im Westen wie im Osten Licht und Schatten, positive wie negative Erfahrungen in und mit der Psychiatrie vorhanden sind.

Wir hatten nach der Wende für vieles neue Möglichkeiten der Verbesserung des Bestehenden, Chancen, eine Neuorientierung einzuleiten. Vom Westen aus gesehen herrschte bei uns das tiefste Mittelalter – eine Auffassung, die nur zum geringsten Teil der Wahrheit entsprach. Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht, uns wurde in kürzester Zeit im Gesundheitswesen und in der Wirtschaft vieles übergestülpt. Erst jetzt, nach Jahren des Ausprobierens, wird festgestellt, dass sich nicht alles so entwickelt und entwickelt hat, wie Mensch es möchte. Der Mensch selbst, der Betroffene und Nutzer, ist der, der am wenigsten dazu befragt wird, wie er es braucht und was ihm wohl tut und aus der Krise hilft.

Unsere Klinik vor Ort, eine ehemalige Fliegerkaserne, war nicht gerade eine Vorzeigeeinrichtung. Bis 1990 mussten sich bis zu acht Kranke im Zimmer ein Waschbecken teilen, es war eine Toiletteneinrichtung im Gang vorhanden und die veralteten Einrichtungsgegenstände verhinderten eine vertrauenserweckende Atmosphäre. Es war ein deprimierender Zustand. Ob freiwillig oder durch Ärzte eingewiesen, mussten sich die psychisch Kranken mit den Alkoholabhängigen die Station teilen (dieser Zustand ist heute noch so) – vor allem bestehen nach wie vor die großen Stationen.

Oft erfolgt nach einer Einweisung nur ein kurzes Gespräch – am nächsten Tag stehen die Medikamente bereit. Kommt es zur Zwangseinweisung, erfolgt nicht selten bei ›Nichteinsichtigkeit‹ Fixierung und Niederspritzen.

Sicher, wir wissen, wie schwer für Ärzte und Pflegepersonal sowie für die nächsten Angehörigen der Umgang mit uns oft ist. Wer erlaubt uns Einwände zu äußern oder Kritik zu üben, gegenüber der Allmacht, der wissenschaftlichen Doktrin? Wir werden oft nicht gefragt, sondern als ›Fall‹ oder Objekt gesehen, weil wir in der Krankheit nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Das ist leider auch heute noch so.

Seit der Wende hat sich baulich sehr viel getan, zur Rehabilitation soll ein ehemaliges Hotel als Nachsorgeeinrichtung umgebaut werden. Hier ist es das Ziel, Betroffene wieder an die Selbständigkeit heranzuführen. Unlängst sah ich so ein Projekt aus Schweden, da arbeiten vorwiegend Psychiatrie-Erfahrene.

Sollte auf dem Gelände der Psychiatrieklinik ein Neubau entstehen, hoffen wir, dass auch ein Zimmer mit guter Atmosphäre eingeplant ist und jederzeit zu individuellen persönlichen Gesprächen für Betroffene genutzt werden kann.

Zur Zeit ist ein Erfahrungsaustausch nur auf dem Treppengang möglich oder im Krankenzimmer. Wir als Betroffene, Erfahrene, Nutzer müssten schon bei der Planung unsere Wünsche äußern dürfen. Der Erfolg bliebe vielleicht nicht aus.

Wir erleben unseren Aufenthalt in der Klinik trotz der oft immensen Medikamentengabe mit unseren Sinnen zum Teil noch sehr bewusst, immer in der Hoffnung auf Heilung. Es fehlt aber oft menschliche Wärme, Zuneigung und Achtung füreinander, Vertrauen, Toleranz und vor allem Empathie. Wir wünschen uns ein Verhandeln statt Behandeln, und das Ernst nehmen unserer Person.

Durch den wöchentlichen Erfahrungsaustausch in der Selbsthilfegruppe kann ich immer wieder feststellen, dass viel zu wenig Gespräche zwischen den Ärzten oder Psychologen und den Patienten geführt werden, um die Ursachen unserer Krise, unserer Krankheit, zu ergründen. Was sind zwei Psychologen für 100 Patienten in unserer Klinik? Der Alltag soll nicht nur Medikamentengabe und Beschäftigung, wie basteln, töpfern, singen, kochen sein und der einmal wöchentliche gemeinsame Spaziergang.

Das ist zwar wichtig und gut, jedoch wo bleibt die Aufarbeitung der Probleme, wenn eine Gesprächsbereitschaft der Betroffenen da ist? Seit dem 1. September 1998 ist für 20 Patienten zusätzlich eine neue Tagesbetreuung möglich, wo tiefenpsychologische Betreuung angeboten wird. Diese Einrichtung wird von den Betroffenen sehr gut angenommen.

Auch ist als positiv zu betrachten, dass in der Klinik jeweils für drei Zimmer eine Schwester als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht (sofern es der Dienstplan erlaubt).

In der gesamten Klinik soll und muss ein Psychotherapieangebot möglich sein, aber leider fehlen dazu wohl auch die gesundheitspolitischen Voraussetzungen.

In anderen Bereichen des Gesundheitswesens wird animiert, sich zu bewegen, Eigeninitiative zu mobilisieren, um schnellstmöglich wieder gesund zu werden. In keinem Bereich wird Eigeninitiative mehr bestraft, als in der Psychiatrie. Hier wird nicht miteinander, sondern sehr oft gegeneinander gearbeitet.

Was wir brauchen

Der totalitäre Anspruch des medizinischen Modells zur Erkennung seelischer Störungen, ist nicht selten der Anfang der Drehtürpsychiatrie. Wir brauchen auf der wissenschaftlichen Seite mehr Offenheit, mit Erfahrenen in Kontakt zu treten, wie sie ihren individuellen Weg aus ihrer Krise erkämpft haben.

Wir brauchen eine allumfassende Hinwendung zum Menschen, zu seinen individuellen Bedürfnissen! Wo bleiben uns Räume, um Eigeninitiative zu entwickeln, Selbsthilfemöglichkeiten anzubieten, Räume zum Gespräch über Alternativen, Aufklärung zur Früherkennung, Wirkungen der Medikamente, Gelegenheit, in sich zu gehen und sein Verhalten erst einmal selbst zu überdenken, wo wird uns beim Aufenthalt in einer Klinik Literatur angeboten oder Hinweise dazu gegeben?

Die jährlichen Treffs unseres Verbandes sind wichtige Meilensteine, uns auszutauschen, um in der Öffentlichkeit auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen. Wir vertreten den Standpunkt, dass es an der Zeit ist, dass Professionelle und Betroffene zueinander finden.

Körper, Seele und Geist müssen als Einheit betrachtet werden und bei der Behandlung Berücksichtigung finden.

Wir vermissen im Klinikum Dessau, das unter der Leitung des Caritas-Verbandes arbeitet, die seelsorgerische Betreuung. Auch die Einbeziehung der Angehörigen und Betroffenen ist unabdingbar. Die bekannten Sprüche wie: »Lassen Sie nur, wir wissen schon was Ihnen gut tut«, oder: »Wir wissen, was für Ihren Angehörigen gut ist«, sollten wohlüberlegt sein. Sicher bricht in einer Krise eine Welt zusammen, aber aus dem unbewussten erzwungenen Rückzug kann man eine Aufforderung zur Überprüfung seiner Lebensweise, seiner zwischenmenschlichen Beziehungen, eine Chance zum Neuanfang sehen.

Wir wollen offen mit unserer Erkrankung umgehen und mehr Eigenverantwortung übernehmen, man muss uns nur lassen.

Medikamente können, verantwortlich gereicht, sehr hilfreich sein, sie bringen Entlastung und schaffen Beruhigung, um die Grundlage der Gesprächsbereitschaft zu ermöglichen. Hier haben die Professionellen allerdings eine große Verantwortung.

Wünschenswert wäre, auch in Dessau ein Psychoseseminar ins Leben zu rufen, wie es bereits in vielen Städten der Bundesrepublik praktiziert wird.

Selbsthilfe stärken

Die Selbsthilfearbeit vor Ort war zu DDR-Zeiten nicht erwünscht und undenkbar. Hier hat eigentlich die innere Reform ihren Anfang genommen. Man könnte es als Prävention, Nachsorge oder als einen Beitrag zur Rehabilitation bezeichnen. Wir arbeiten gemeinsam unsere Ursachen der Erkrankung auf, versuchen Wege und Möglichkeiten im Erfahrungsaustausch oder durch Fachvorträge aufzuspüren und suchen die Zusammenarbeit mit Psychologen, Ärzten, Heilpraktikern und Apothekern, was uns teilweise gut gelingt. Nach der Wende wurde das Gesundheitswesen reformiert, viele Ärzte und Psychologen gingen vom Angestelltenverhältnis in die Selbständigkeit. Selbsthilfegruppen sah man als Konkurrenz, nicht aber als Hilfe zur Begleitung der Therapie an – wir haben oft Ablehnung verspürt.

Jetzt ist es aber umgekehrt. In unsere Selbsthilfegruppe werden Patienten vermittelt, die das Klinikum verlassen oder wo sich der Arzt für lange Gespräche zur Ergründung der Ursache des Leidens keine Zeit nehmen kann (das ist ja nicht finanziell abrechenbar).

Wir in der Hilfe zur Selbsthilfe leisten ehrenamtliche Arbeit ohne Honorar, ohne Fahrtkostenerstattung oder irgendwelche Aufwandsentschädigungen und sind dabei nur über unsere private Versicherung abgesichert. Das kann nicht so bleiben.

Es ist erwiesen, dass der einzelne mehr kann, als man ihm weithin zutraut. Die behauptete Ohnmacht des Menschen ist nicht biologisch bedingt, sondern ist von der Lebensstruktur beeinflusst. Der Glaube an die eigene Kraft, das eigene Selbsthilfepotential, sollte nicht durch die Wissenschaft unterhöhlt werden.

Wir wollen die wissenschaftliche Forschung auf eine andere Richtung hinweisen. Wir, die wir intensiv die Krankheit nicht nur im Trauma, sondern bewusst erlebt, durchlebt haben, können wichtige Hinweise geben. Es soll nicht über uns, sondern mit uns geredet werden. Über die Gene forschten Wissenschaftler schon einmal in einer Generation, und was daraus entstanden ist, das wissen wir zu gut. Bis heute gibt es keine Rehabilitation. Man darf nicht daran denken, was zu der Zeit mit mir, meinem Vater und meiner Tochter geschehen wäre.

Jeder, der auf diesem Gebiet arbeitet, sollte sich bewusst sein, dass auch er durch unglückliche Umstände seelisch erkranken kann.

Die Diskussion um die Bioethikkonvention und deren Ratifizierung durch die Bundesregierung ist bis heute nicht abgeschlossen. Noch haben wir die Chance, gegenzusteuern, was wir nicht nur durch Unterschriftensammlungen im BPE bekunden. Es ist unverantwortlich, psychisch Kranke, geistig Behinderte, Demenzkranke als Probanden für wissenschaftliche Forschung nutzen zu wollen.

Wir fordern verantwortlichen Umgang mit Psychopharmaka und mehr Psychotherapie sowie ihre Bezahlung durch die Krankenkassen.

Depressionen und Psychosen sind nicht medikamentös zu unterdrücken, sondern in ihrer Bedeutung wahrzunehmen und vermehrt in Gesprächen aufzuarbeiten.

Abschließen möchte ich mit einem chinesischen Spruch: »Willst Du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten«.

Mein persönlicher Spruch: »Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren«.

Literaturhinweis

Peter Lehmann: Psychopharmaka absetzen, Berlin: Antipsychiatrieverlag 1998

Über die Autorin

Carola Feindt ist Rentnerin und Vorstandsmitglied des BPE.