unveröffentlichtes Manuskript
   

Franz-Josef Wagner

Löchrige oder fehlende Netze und Vernetzung in der gemeindepsychiatrischen Versorgung

1) Allgemeine Vorbemerkung

Bevor ich mich mit den löchrigen oder fehlenden Netzen und Vernetzungen beschäftige möchte ich auf grundsätzliche statistische Auswertungen eingehen. Weder in der Statistik der EU-Kommission noch in denen der Bundesregierung und des Landes Rheinland-Pfalz werden wir psychisch und seelisch Kranken aufgeführt. Die Zahlen enthalten undifferenziert nur körperlich bzw. geistig Behinderte. Grundlage für die statistische Erfassung der Behinderten ist § 53 des Schwerbehindertengesetzes. Die Statistik wird bundesweit einheitlich vorgenommen. Bei der Erhebung erfolgt jedoch eine Trennung zwischen Hirnschäden, Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung und Psychosen, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen und Folgen psychischer Traumen. Somit besteht die Möglichkeit, eine differenziertere Statistik darzustellen, welche auch psychisch und geistig Behinderte unterscheidet. Wir würden uns freuen, wenn wir nicht unter den geistig Behinderten geführt würden und somit in den Gesetzgebungsverfahren des Bundes und der Länder berücksichtigt würden; z.B. ist am 3.12.1999 in der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche zu Berlin der Deutsche Behindertenrat gegründet worden. Der Vorsitzende Herr Walter Hirrlinger spricht beim Grundsatz »Rehabilitation vor Pflege« insbesondere von geistig- und mehrfachbehinderten Menschen. So ist denn auch die Besetzung des Sprecherrates und der Arbeitsausschüsse – die psychisch Kranken werden nicht berücksichtigt, da in den ausgewiesenen Statistiken als geistig krank stigmatisiert. In den Sozial- bzw. Gesundheitsministerien des Bundes und der Länder sind eigene Abteilungen, die sich nur mit uns psychisch Kranken beschäftigen, wir werden hier wie in anderen Gremien nicht gehört und akzeptiert – da ver-rückt.

2) Problem beim Übergang vom Krankenhaus zum gemeindepsychiatrischen Wohnverbund

Die Regionen Trier und Kaiserslautern sind für den gemeindepsychiatrischen Wohnverbund als Modellprojekt in Rheinland-Pfalz ausgewählt. Erste Probleme sind im Übergang von der stationären psychiatrischen Krankenhausbehandlung zum gemeindepsychiatrischen Wohnverbund aufgetaucht. Der MDK Rheinland-Pfalz – Referat Psychiatrie verschickt Verlängerungsanträge an die Krankenhäuser der Regionen; hier werden neben der »Beantragten Behandlung bis spätestens« nach dem Behandlungsverlauf auch nach dem Behandlungsverlauf gefragt. Hier wird nicht nur die Gegenwart und Vergangenheit beleuchtet, sondern auch nach der potentiellen Zukunft gefragt: »Folgende, gemeinsam mit dem Patienten vereinbarte individuelle, während der stationären Behandlung erreichbare Therapieziele sollen weiter/neu bearbeitet werden und wurden bereits erreicht /können noch erreicht werden.« Dabei ist die Erreichung von Therapiezielen durch das Krankenhaus wichtig, nicht unbedingt die Genesung des Betroffenen.

Die Krankenhäuser werden nach ökonomischen Kriterien bewertet – wie der AOK-Chef Bokemühl am 15.2.1999 im Trierischen Volksfreund erklärte (Die Erfolgreichsten sind die Sparsamsten) – so ist mit kürzeren Verweilzeiten zu rechnen. Diese Therapieziele – die der Aufnahmekonferenz im Wohnverbund nicht bekannt sind – werden bei der Erstellung des Integrierten Behandlungs-/Rehabilitationsplans (IBRP) nicht berücksichtigt. Neue andere Ziele werden definiert, die keine Eigenverantwortlichkeit unterstützen, sondern uns nur noch weiter verunsichern. Weiter ist es wichtig zu wissen, dass wir unter hohem Medikamenteneinfluss (medikamentöser Therapie) keine Verantwortung sehen und verstehen. Wir sind körperlich anwesende Zombies. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass hier eine Interdisziplinäre Zusammenarbeit durch fachliche und personelle Koordination aufgebaut wird, in Zusammenarbeit mit uns Betroffenen. Bisher werden wir in den Aufnahmekonferenzen nicht geduldet – wegen Datenschutz!!! Ich wünsche mir hier eine natürlichere Haltung gegenüber uns und unseren Gremiumsmitgliedern.

3) Der Hilfebedarf beim Einzug ins betreute Wohnen des gemeindepsychiatrischen Verbundes

Bisher sind nicht alle Träger des gemeindepsychiatrischen Wohnverbundes Trier bzw. Kaiserslautern in die Versorgungsverpflichtung aufgenommen worden. Ein Wohnverbund mit Versorgungsverpflichtung funktioniert aus Sicht der Wirtschaftswissenschaft nur, wenn kein Außenseiter existiert – wie es z. B. in den regionalen Verkehrsverbünden vorhanden ist. Aus Theorie und Praxis der Wirtschaftswissenschaft wird ein Kartell durch den Außenseiter über den Preis (Kosten, die in Rechnung gestellt werden) und die Qualität (hier die Versorgungsqualität im betreuten Wohnen) gebrochen. Nutznießer bei dieser Konstellation werden im gemeindepsychiatrischen Verbund nicht die Betroffenen, sondern die Kommunen sein, die hier ihr Budget reduzieren können.

Im November 1995 legte das BMG den Abschlussbericht der Modellerprobung »Aufbau von gemeindepsychiatrischen Versorgungsstrukturen in ausgewählten Modellregionen in den neuen Ländern« vor. Ich möchte hier nur auf die Tabelle 3 »Häufigkeitsverteilung für den Hilfebedarf und die erfolgte Unterstützung« hinweisen. Der aktuelle Hilfebedarf, der auf einer Skala von 0 (kein Hilfebedarf) bis 4 (ausgeprägter Hilfebedarf) notiert wurde, hält fest, dass bei 45 Betroffenen mindestens 50% im Bereich Selbstsorge und Tagesstrukturierung keine bis minimale Hilfe benötigen. Im Bereich spezifischer Beeinträchtigung und Umgang mit der psychiatrischen Erkrankung waren es sogar mehr als 60%. Diese Tabelle entspricht dem Konzept des IBRP und wirft für die Zukunft einige Fragen auf:

 

  • Wenn kein Hilfebedarf nötig war, warum müssen wir im betreuten Wohnen leben?

  • Wie sieht die Personalbemessung im komplementären Bereich aus, wenn der Hilfebedarf auf der Skala stärker Richtung 4 rutscht?

  • Was ist mit dem regionalem Budget, wenn größerer Hilfebedarf und die erfolgte Unterstützung zunehmen?

  • Die Wahrscheinlichkeit, dass chronisch Kranke frühzeitig aus den psychiatrischen Krankenhäusern entlassen werden, ist sehr groß und hier könnten Problemfälle entstehen, die beim Übergang in den Wohnverbund von einem Träger zum andern – im günstigem Fall- verschoben werden. Wer nimmt diese Personen auf?

  • Wird mit dem Aufbau des Wohnverbundes nicht ein Getto für psychisch Kranke geschaffen, wodurch auch Betroffene ohne Hilfsbedarf eingeschlossen und vereinnahmt werden?

  • Fördert man mit dem betreuten Wohnen auch für Hilfsbedarfslose (Skala 0) nicht die Unselbständigkeit?

  • Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass mit dem Makel psychisch krank auf dem freien Wohnungsmarkt nur schwer eine Wohnung zu finden ist – auch nicht bei öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften. Wäre es hier nicht ratsamer die Betroffenen bei der Suche auf dem freien Wohnungsmarkt zu unterstützen – was die Sozialkosten der Kommunen und die Gewinne der Träger der gemeindepsychiatrischen Zentren reduziert?

4) Förderung der Selbständigkeit in der gemeindepsychiatrischen Versorgung

Die Psychiatrie – Erfahrenen Trier haben mit der Tagesklinik der Psychiatrie Trier eine Kochgruppe eingerichtet. Bis zu 4 Personen bereiten ihr Mittagessen (4,85 DM/Person entspricht dem Sozialhilfesatz für ein Mittagessen) selbst vor, indem sie die Produkte aussuchen, kaufen, selbst zubereiten und anschließend essen. Die Idee kommt von den psychisch Kranken, die in dieser und der anschließenden Krankheitsphase nicht in der Lage sind sich zu versorgen und Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Kochen von einfachen Gerichten wird im Bereich der Selbstsorge Verantwortung übernommen und positive Impulse für andere Aufgaben gesetzt.

Weiter bieten wir in Verbindung mit der Tagesklinik einen Vorsorgebogen mit exemplarischen Frühwarnzeichen an. Hier versuchen wir den Psychotikern auf der kognitiven Ebene unsere psychisch instabilen kranken Phasen zu beleuchten und eventuell Vorsorge für einen Schub zu treffen.

Mit diesen Maßnahmen kann der Hilfebedarf für die Selbstsorge reduziert, sowie der Umgang mit der psychiatrischen Erkrankung verbessert werden. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass psychisch Kranke als Doppelerfahrene ihren Leidensgenossen einen Weg aus der Erkrankung zeigen könnten in Verbindung mit Krankenhaus und Wohnverbund. Dazu wünsche ich mir eine bessere Koordination der Dienste zwischen Profis, Angehörigen und Betroffenen sowie mehr Einfluss der Selbsthilfegruppen vor Ort.

5) Arbeit für psychisch Kranke

Bislang bestehen die Beschäftigungsmöglichkeiten für psychisch Kranke im Besuch der »Werkstatt für Behinderte« (WfB) oder einem Arbeitsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. So sind ca. 18% der Schizophrenen erwerbstätig und 13% in Ausbildung. Der größere Teil ca. 60% ist erwerbslos d.h. sie beziehen Sozialhilfe (18%), Frührente (27%) oder sind arbeitslos. Beleuchtet man die Zugänge der Renten 1996, so ist, unter dem Diagnoseschlüssel schizophrene Psychosen, das Alter des durchschnittlichen Renteneintritts unter 40 Jahren. Betrachtet man dann die theoretische Durchschnittsrente bei 20 Beitragsjahren (948,80 DM) so ergibt sich für die Erwerbsminderungsrente ab dem Jahr 2000 und 75% des Durchschnittsverdienstes (ca. 3400,- DM/Monat brutto) eine finanzielle Unterstützung von 634,75 DM bei Inanspruchnahme vor dem 60. Lebensjahr (laut Gesetz der letzten CDU/FDP Regierung).

Mit der Neuregelung der Renten wegen Erwerbsminderung wurde das Risiko zwischen Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung bei verschlossenem allgemeinem Arbeitsmarkt neu verteilt. Sofern nach Auffassung des sozialpsychiatrischen Sachverständigen ein psychisch Kranker auch bei adäquater Arbeit überwiegend, aber nicht ständig in der Lage ist, 3 Stunden täglich zu arbeiten, ist ein konkurrenzfähiger Einsatz auf dem Arbeitsmarkt nicht gegeben. Nach Einschätzung eines leitenden Arztes einer Reha-Einrichtung für psychisch Kranke, sind schätzungsweise 10% der Rehabilitanden nach Ablauf einer Reha-Maßnahme nicht mehr einsatzfähig und bei 60% aller Patienten ist eine Eingliederung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr möglich; sie werden in der Regel in der WfB eingesetzt.

Eine Alternative für uns wären die Integrationsfirmen. Es gibt in Rheinland-Pfalz einige sogenannten Integrationsfirmen, jedoch beschäftigen diese nur ganz wenige psychisch Kranke. 1999 hatte das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit den Innovationspreis für Projekte in der Gemeindepsychiatrie an die Gemeindepsychiatrie Westerwald gGmbH vergeben, die Dorfläden mit psychisch Kranken betreiben.

Ich stelle mir vor, dass solche einzelne Ideen einen größeren Zuspruch erhalten, damit wir psychisch Kranke einen Sozialstatus und soziale Beziehungen aufbauen können und eine zeitliche sowie inhaltliche Tagesstrukturierung erhalten.

Literatur

  • Daten des Gesundheitswesens, Ausgabe 1997, Band 91, Schriftenreihe des BMG

  • Landesplan für behinderte Menschen 1998, MASG Rheinland-Pfalz

  • Aufbau von gemeindepsychiatrischen Versorgungsstrukturen in ausgewählten Modellregionen in den neuen Ländern, Band 78, Schriftenreihe BMG

  • Von institutions- zu personenzentrierten Hilfen in der psychiatrischen Versorgung, Band 116, Schriftenreihe BMG

  • Verbandssysteme in der Gemeindepsychiatrie – Zwischenbilanz der Projekte in Trier und Kaiserslautern – Ergebnisse der Fachtagung am 26. Febr. 1999 in Mainz, MASG Rheinland- Pfalz

  • Sozialgesetzbuch (SGB), VI, gesetzliche Rentenversicherung, Stand RRG 1999 – 1.1.1998, BMAS