Vorwort des 1. Vorsitzenden des Landesverbands der Psychiatrie-Erfahrenen Rheinland-Pfalz e.V. zur gleichnamigen 3. Fachtagung
   

Franz-Josef Wagner

»Neue Wege zur Arbeit für psychisch Kranke – Integrationsfirmen«

Innerhalb von 3 Jahren haben wir die 3. Fachtagung zu den uns prägenden Themen durchgeführt. Zur 1. Fachtagung »Alternativen in der Akutpsychiatrie – Soteria« in der Tufa zu Trier kamen mehr als 100 Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige, Professionelle und Interessierte aus dem In- und Ausland und hörten unter anderem dem Vortrag von Peter Lehmann »Soteria und Empowerment« zu. Dieser Vortrag ist bis heute in der 4. Auflage im Antipsychiatrieverlag erschienen.

Mit der 2. Fachtagung »Krisenintervention im ländlichen Raum« im Rokokosaal des Kurfürstlichen Palais zu Trier, hat Brigitte Theisen unsere »Forderungen an eine Krisenintervention aus Sicht der Betroffenen« formuliert. Dieser Vortrag und die Dokumentation zu dieser Fachtagung hatten eine große Resonanz. Brigitte Theisen wurde darauf hin zur PSAG, Psychiatriebeirat, Landespsychiatriebeirat, überregionalen Fachverbänden und zu einer Fachtagung des Bundesministeriums der Gesundheit eingeladen. Die Nachfrage nach der Dokumentation konnten wir nicht vollständig befriedigen, da diese innerhalb weniger Wochen nach dem Druck vergriffen war. Wir haben mit der Fachtagung erreicht, dass die Krisenintervention ständiges Thema des Landespsychiatrieberates ist.

Wie wichtig das heutige Thema »Neue Wege zur Arbeit für psychisch Kranke – Integrationsfirmen« für uns ist, erkennen sie daran, dass mit dem Verlust der Arbeit ein Verlust des Sozialstatus, der inhaltlichen und die der zeitlichen Tagesstrukturierung und der sozialen Beziehungen einhergeht. Daraus folgt nach Häfner ein Auslöser für Krankheiten – besonders psychische Krankheiten – und Suizid sowie ein erhöhter Konsum von Nikotin, Alkohol und Drogen.

Bei der statistischen Betrachtung des Anteils psychisch Kranker (Schizophrener) ist das Potential der beruflichen Rehabilitation erkennbar, ca. 60% sind erwerbslos. Von den 60% sind 18% von der Sozialhilfe abhängig, 30% sind Frührentner und 12% arbeitslos.

In Rheinland – Pfalz besteht die berufliche Rehabilitation psychisch Kranker fast ausschließlich im Besuch der »Werkstatt für Behinderte« als regionaler Einrichtung des besonderen Arbeitsmarktes. Die Aufgabenstellung einer solchen Werkstatt liegt in einer Beschäftigung von psychisch behinderten Menschen, die nicht in der Lage sind einer Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nachzugehen, eine unterstützenden Tagesstruktur mit für den Behinderten sinnvollen Tätigkeit anzubieten. Aufgabenimmanent für jede Werkstatt für Behinderte ist die Suche nach Möglichkeiten für die Eingliederung des psychisch behinderten Menschen in das allgemeine Arbeitsleben.

Integrationsbetriebe sind ein Angebot für uns psychisch Kranke und behinderte Menschen, die zwar auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten könnten, jedoch dort keinen Arbeitsplatz finden. Die Arbeitsbedingungen sind hinsichtlich der Gestaltung der Arbeitszeit, des Arbeitsklimas und der Arbeitsorganisation so gestaltet, dass sie den spezifischen Bedürfnissen Rechnung tragen. Die Beschäftigten arbeiten auf der Grundlage eines regulären Beschäftigungsverhältnisses zu branchenüblichen Tariflöhnen. Integrationsbetriebe können eine Zwischenstufe in einer Werkstatt für Behinderte und der Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt darstellen.

Damit die Dimension des schwierigen allgemeinen Arbeitsmarktes der körperlich, geistig und psychisch Schwerbehinderten erkennbar ist, möchte ich einige Zahlen aufzeigen. 8% (ca. 6,6 Mio.) der Bevölkerung sind anerkannt schwerbehindert, davon stehen 1,1 Mio. dem allgemeinen Arbeitsmarkt zur Verfügung. 900.000 hauptsächlich körperbehinderte Menschen sind in Arbeit und ca. 200 000 sind arbeitslos. Die Beschäftigungsquote der Schwerbehinderten ist von 1982 5,9% um 2% auf 3,9% 1997 gesunken. Beleuchtet man die Beschäftigungsquote der privaten Arbeitgeber, stellt man fest, dass 37,5 % oder 71 200 Betriebe keinen Schwerbehinderten beschäftigt haben und nur 24 100 Betriebe erfüllen die Beschäftigungsquote für Schwerbehinderte. Die öffentlichen Arbeitgeber haben 70 000 Arbeitsplätze pflichtwidrig nicht mit Schwerbehinderten besetzt. Die Beschäftigungsquote in den Ländern haben nur das Saarland und Hessen erfüllt. Meine Frage: Wie hoch ist die unterdurchschnittliche Beschäftigungsquote der Schwerbehinderten in Rheinland-Pfalz und wie hoch ist der Anteil der psychisch Kranken und Behinderten?

Ich erhoffe mir noch keine direkte Antwort von dieser Tagung auf diese Frage, doch möchte ich in der Zukunft uns psychisch Kranken nicht nur in der Werkstatt für Behinderte sehen, sondern auch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und in Integrationsbetrieben. So soll diese Tagung einen Impuls in diese Richtung geben.