zurück zum Inhalt 03/2005

Herr über Leben und Tod –
Gedenken an die Opfer der Nazis
– Psychiatrie – Wie war das möglich? – Die Täter
von Klaus Dörner
(Kirchentags-Dialog in Hannover mit den Kindern, die uns morgen fragen,
konkret mit den Schülern des Hölty-Gymnasium, Wunstorf)

Eure persönlichen Fragen verlangen persönliche Antworten. Ich beginne daher als psychiatrischer Zeitzeuge.

Nachdem ich mich schon 20 Jahre mit der NS-Psychiatrie wissenschaftlich beschäftigt hatte und stolz darauf war, fragen mich 1984 Journalisten, ob ich nicht nur über, sondern auch mit den überlebenden Opfern von Zwangssterilisation und Euthanasie geredet hätte. Ich musste gestehen, dass ich nicht einmal auf den (doch nahe liegenden) Gedanken gekommen sei. Zwar habe ich das danach nach Kräften nachgeholt. Dadurch lernte ich auch Dorothea Buck kennen, die nur altersbedingt heute hier nicht steht. Denn sie wird heute nicht nur von fast allen psychisch Kranken gekannt, weil sie deren Selbsthilfeverband mit gegründet hat und heute dessen Ehrenvorsitzenden ist; vielmehr wurde sie auch selbst in Bethel in der Nazizeit zwangssterilisiert; und gerade sie hat die Kirchen jahrzehntelang – ohne viel Erfolg – angefleht, die überlebenden Opfer nicht auch jetzt noch allein zu lassen – dieselben Kirchen, die in den 50er Jahren die Anerkennung der Zwangssterilisierten als NS-Verfolgte nach dem Bundesentschädigungsgesetz abgelehnt hatten.

Aber der Schock der Journalistenfrage hat mir die Augen geöffnet für die Spuren, die mich über die geradezu konspirative Sprachlosigkeit von uns allen selbst noch mit den mörderischen Tätern verstricken.

Daher hat es Bedeutung, dass wir heute die erste Versammlung seit 1945 überhaupt bilden, die in bundesweiter Öffentlichkeit dieser ausgegrenzten verfolgten Gruppe gedenken will. Obwohl jeder wissen kann, dass wegen der für diese psychiatrischen Massenverbrechen erforderlichen Erfindung des industriellen Tötens durch Vergasung (die übrigens am 18.10.1939 in einem Bunker in Posen/ Polen anhand polnischer psychisch Kranker erfolgte) zu sagen ist: Wer vom Judenmord spricht, kann vom Behindertenmord nicht schweigen.

Diese Spurensuche hat nun, wie wir heute wissen, auch für uns noch beunruhigende Ergebnisse:

1. Von der Zwangssterilisation waren damals ohnehin nicht nur fast alle Mediziner, sondern auch weitgehend die Kirchen und auch weitgehend das Ausland kritiklos begeistert.

2. Da man damit sich auch schon ein Urteil über Lebensqualität (positiv oder negativ, wert oder unwert) angemaßt hatte, machten die meisten Mediziner auch bei dem folgenden Euthanasieprogramm –selbst bei persönliche Bedenken – mit, hielt doch selbst der weltweit anerkannteste Psychiater aus der Schweiz, Eugen Bleuler, damals Euthanasie für Unheilbare für denkbar und hatte man doch schon im ersten Weltkrieg 70.000 Anstaltsinsassen absichtlich durch Hunger sterben lassen.

3. So kam es, dass bei der Euthanasie-Kommandozentrale in Berlin die bekanntesten Universitäts-Psychiater freiwillig mitmachten, wie etwa Carl Schneider, der zeitgleich das beste Schizophrenie-Therapiebuch seiner Zeit schrieb, oder Hans Heinze, der Organisator der Kinder-Euthanasie, der nach dem Krieg hier in Wunstorf eine vorbildliche kinderpsychiatrische Abteilung aufbaute, oder Karl Brandt, Führer-Beauftragter für die Euthanasie, der eigentlich zu Albert Schweitzer wollte und nur durch einen Zufall bei Adolf Hitler landete.

4. Die Psychiatrie-Professoren waren daher auch nicht besonders fanatisch nationalsozialistisch, dafür eher fanatisch als Modernisierer und in Ihrem Glauben an die Wissenschaft, denn weil diese Wissenschaft schon bald den Traum von der Aufklärung von der leidensfreien Gesellschaft verwirklichen werde, sei es für sie als Wissenschaftler geradezu eine humane Pflicht, als wissenschaftliche Herren über Leben und Tod die Unheilbaren, die vom technischen Fortschritt nicht mehr profitieren könnten, von ihren Leiden zu erlösen.

5. Ihr Euthanasieprogramm sollte sich daher auch nicht gegen die Heilbaren richten, für die therapeutisch alles getan werden sollte, sondern nur gegen die Unheilbaren.

6. Für die Zeit nach dem Krieg hatten diese Professoren schon ein Sterbehilfegesetz in der Schublade, das jedem Menschen rechtsstaatlich sein Recht auf Tod garantieren sollte – nicht unähnlich dem heutigen Gesetz in den Niederlanden oder in Belgien.

So müssen alle, die nicht vom Letzten ausgehen, sondern die Letzten opfern, um den anderen bessere Chancen zu geben, schließlich zu Mördern werden.

Damit habe ich Eure erste und zweite Frage (nach der Rechtfertigung der Täter und nach Ihrer Anmaßung der Unwert-Entscheidung) so beantwortet, dass die Antworten auch noch heute und morgen Bedeutung haben können.

Bleiben eure dritte und vierte Frage nach dem Widerstand gegen diese Verbrechen und danach, ob ich persönlich auch damals so gehandelt hätte: Die wenigen, die nach unserem bisherigen Wissen nicht als Legendenbildung der jeweiligen Anstalt, sondern nachprüfbar wirklich kompromisslose Widerständler waren, handelten vor allem aus zwei Beweggründen: Sie waren entweder fast fundamentalistisch religiös, am besten katholisch, oder sie waren im Umgang schwierige, bis zur Prinzipienstarre unbeugsame Persönlichkeiten; in beiden Fällen waren es Menschen, die im biblischen Sinn vom Letzten her denken und handeln konnten.

Da ich mehr zum Ausgleich und zum Kompromiss neige, muss ich fürchten, dass ich damals eher nicht zu den Widerständlern gehört hätte. Wie ich auch viel Jahre gebraucht habe, um meine Psychiatrie vom Letzten her denken zu können, also vor allem von den heute noch 170.000 chronisch psychisch Kranken und geistig Behinderten, von den Unheilbaren her, die immer noch ohne Notwendigkeit und daher verfassungswidrig in Heimen ausgegrenzt sind, obwohl in Europa Schweden und Norwegen uns vorgemacht haben, dass eine Gesellschaft ohne Heime möglich ist und zugleich menschlicher ist.

So bleiben euch und eurer Generation noch viele Chancen, besser als wir aus den psychiatrischen Verbrechen der NS-Zeit zu lernen