Wie man von Psychopharmaka herunterkommt

Matthias  Seibt  plädiert  für  einen  stufenweisen  Entzug

Dieser Beitrag wendet sich an Menschen,  die sich aus der Psychopharmakai-Abhängigkeit lösen wollen. Dieser Wunsch  kann Folge der am eigenen Körper und  Geist erlebten “Neben”-Wirkungen sein; er  kann aber auch aus der Lektüre kritischer  Literatur resultieren, wie z.B. den Büchern  von Peter Lehmann: (Der chemische  Knebel. Warum Psychiater Neuroleptika  verabreichen, 1993); (Schöne neue  Psychiatrie. Band 1: Wie Chemie und  Strom auf Geist und Psyche wirken, 1996;  Band 2: Wie Psychopharmaka den Körper  verändern, 1996); Joseph Zehentbauer:  (Chemie für die Seele, 1997) oder Peter Breggin (Giftige Psychiatrie, Band 1 und 2, 1997). Mittlerweile erschien 2002 die 2. Auflage des von  Peter Lehmann herausgegebenen Buchs    Psychopharmaka absetzen. (Erfolgreiches  Absetzen von Neuroleptika, Anti-depressiva, Lithium, Carbamazepin  und Tranquilizern, 1998).

Diesem Artikel liegen sowohl eigene  Erfahrungen wie auch Erfahrungen anderer  Menschen zugrunde, sowie die 1986 in der  Zeitschrift “Türspalt” erschienene  Übersetzung aus “Dr. Caligari’s  Psychiatric  Drugs”.

Absetzen allein genügt oft  nicht

Psychopharmaka werden wie andere  Drogen (Von Alkohol bis zu Kokain und  Heroin) hauptsächlich zur Betäubung des  Leidens an persönlichen und/oder  sozialen  Problemen eingesetzt. Diese Probleme  stellen sich während oder nach dem  Absetzen dem betroffenen Menschen  häufig wieder massiv in den Blick. Wer an  unbefriedigenden oder sogar fürchterlichen  Verhältnissen leidet, sollte sich über das  eigene “Ausrasten” nicht wundern. Es gibt  keine Psychosen, es gibt nur die  individuelle Verrücktheit, mit der  Menschen auf ihre aktuelle Umwelt,  schreckliche Erlebnisse der Vergangenheit  oder auch den eigenen Umgang mit sich  selbst (z.B. selbstabwertende Gedanken)  reagieren. Es kann also ratsam sein, vor  dem Absetzen eine Änderung der  Lebensumstände (Wohnen, Arbeit, soziale  Kontakte) oder des Umgangs mit sich  selbst durchzuführen .

Plötzliches Absetzen kann gefährlich sein

Viele Menschen nehmen die erste sich  bietende Gelegenheit, um die Einnahme  der “Medikamente” zu beenden. Dies ist  angesichts der verheerenden “Neben”-Wirkungen verständlich, trotzdem aber  meistens nicht der beste Weg.  Typischerweise fördern manche Psychiater/innen diese riskante Form des Absetzens  noch, indem sie auf an den  “Medikamenten” geäußerte Kritik mit  einem saloppen “dann lassen Sie sie doch  einfach weg” antworten. 

Bei Tranquilizern (z.B. Valium, Librium,  Adumbran, Lexotanil, Tavor) sowie  Schlaf- und Beruhigungsmitteln (Sedativa,  Barbiturate, Hypnotica) kann es bei  plötzlichem Absetzen sogar zu  lebensgefährlichen Krampfanfällen  kommen. Dies ist bei Lithium, Anti-depressiva oder Neuroleptika nicht der Fall,  doch auch hier empfehle ich unbedingt  einen stufenweisen Entzug. Wer jahrelang  Psychopharmaka geschluckt hat, sollte  durchaus einige Monate Zeit investieren.  Schließlich hat er/sie der Psychiatrie Jahre  eingeräumt, ohne dass eine Problemlösung  erfolgte. Warum also von einem anderen  Weg Wunder verlangen?

Allmählicher und stufenweiser Entzug

Der beste und sicherste Weg ist der  stufenweise Entzug. Ein Beispiel: Sie  nehmen 200 mg Neurocil pro Tag ein. Der  erste Schritt besteht z.B. darin, die  Tagesdosis auf 175 mg zu verringern.  Dann eine bis sechs Wochen abwarten,  ob sich Entzugserscheinungen einstellen. Wenn nicht, die Tagesdosis auf 150 mg  verringern. Wieder eine bis sechs Wochen abwarten. Falls wiederum keine  Entzugserscheinungen zu spüren sind, den nächsten Schritt vornehmen usw. Sollten sich Entzugserscheinungen einstellen, wie z.B. Unruhe oder Schlaflosigkeit,  abwarten, bis diese abgeklungen sind, bevor Sie daran denken, den nächsten  Absetzschritt vorzunehmen.

Werden die Entzugserscheinungen  unerträglich, so dass Sie ein neuerliches “Ausrasten” befürchten, lieber zu einer  vorhergehenden Stufe des Entzugs  zurückkehren. Eine  momentane  Erhöhung  der Drogeneinnahme ist auf jeden Fall  einem Anstaltsaufenthalt mit einem  vielfachen der Dosis der “freiwillig”  eingenommenen “Medikamente“ vorzuziehen.           

Es  kann  auch  sein, dass der erste Teil  des Entzugs völlig problemlos verläuft,  dass jedoch beim Absetzen der letzten  Tablette (in diesem Beispiel 25 mg  Neurocil) Schwierigkeiten auftreten. Hier  ist es sinnvoll, den letzten Schritt  nochmals  zu unterteilen. Ein Beispiel: Zuerst auf eine  ¾ 25 mg Tablette heruntergehen, abwarten – wenn keine Entzugserscheinungen auftreten auf ½ Tablette usw. Bei  Tabletten, die sich nicht unterteilen lassen,  kann man jeden 5. Tag die Tablette weglassen,  anschließend jeden 4. Tag …  wenn man jeden 2. Tag die Tablette nimmt,  kann dazu übergegangen werden, sie jeden  3. Tag zu nehmen, dann jeden 4. Tag usw.  So kann der Entzug auch bei  Niedrigdosierungen noch in vielen Stufen  erfolgen.

Entzug von Depot-Spritzen

Depotspritzen stellen eine besonders  perfide Form der Abhängigmachung dar. Hier ist eine Reduktion nur unter Mithilfe des Psychiaters / der Psychiaterin möglich. Auch hier gilt die Regel: Schrittweise die  Dosis reduzieren – als letzten Schritt die  Abstände zwischen den Depot–Spritzen  verringern. Unter Umständen ist auch als  erster Schritt der Umstieg auf Tabletten zu  empfehlen, da sich diese besser nach dem  momentanen Befinden dosieren lassen.

Wenn der Psychiater / die Psychiaterin  nicht mitspielt: Jeder Arzt und jede Ärztin  darf Neuroleptika und andere  Psychopharmaka verschreiben. Da es für  viele Menschen beruhigend wirkt, einen   “Fach”-Menschen während des Entzugs als  Ansprechpartner/in zu haben, sollte ein  eventuell notwendiger Arztwechsel vor  Beginn des Entzugs erfolgen. Oft kann – nicht nur bei Depot–Spritzen –  Unterstützung durch eine/n  Heil-praktiker/in sinnvoll sein. Auch bei  verschiedenen Meditations- und Yogaarten  gibt es ermutigende Berichte.

Kann man während oder nach einem Entzug durchdrehen ?

Ja. Auch Monate oder Jahren nach einem  erfolgreichen Entzug ist ein erneutes “Ausrasten” möglich. Wenn Gespräche mit  Freund/inn/en keine Erleichterung verschaffen oder nicht möglich sind, ist die Einnahme einer Tablette oft ein kleineres Übel als der Anstaltsaufenthalt. Wohlgemerkt: Ein kleineres Übel.

In der psychiatrischen Literatur ist  bekannt, dass auch kleinste Dosen  Neuroleptika in Einzelfällen lebens-gefährliche Zungen–Schlund–Krämpfe  auslösen können. Andererseits ist auch ein  Anstaltsaufenthalt mit vielen Nachteilen  und fast immer mit “Medikation”  verbunden. Wer sich von einer hohen  Dosis “Medikamente” auf Null dosiert hat,  wird oftmals erstaunt feststellen, wie stark eine ganze oder halbe Tablette auf einen  giftfreien Körper wirkt.

Umweltfaktoren

Es ist sehr wichtig, während des  “Medikamenten” – Entzugs eine stabile  Lebenssituation zu haben. Sie können sich  glücklich schätzen, wenn Sie unter  Menschen sind, die das Wesen des “Medikamenten” – Entzugs verstehen und  Ihre Anstrengungen unterstützen. Wenn  Sie unter Menschen sein müssen, die ihre  Entscheidung missbilligen, von den “Medikamenten” loszukommen: Bestehen  Sie darauf, dass diese Ihr Recht dazu  respektieren. Natürlich ist es besser, wenn  Sie während des Entzugs für sich alleine  als mit nicht–mitfühlenden oder feindlich eingestellten Menschen zusammen sind.  Viele Menschen sind allein von den  “Medikamenten” losgekommen.

Nachbemerkung

Dieser Text bezieht sich vorwiegend auf den Neuroleptika–Entzug. Viele der darin gemachten Aussagen sind aber ohne  weiteres auf andere Psychopharmaka–Klassen wie Tranquilizer, Lithium,  Antidepressiva und Barbiturate  übertragbar. Bei Barbituraten und  Tranquilizern hat sogar die “natur”-wissenschaftliche Medizin inzwischen  teilweise eingesehen, dass diese  suchtbildend sind und bietet den Entzug in  eigenen Kliniken an. Es ist allerdings  Geschmacksfrage, ob man sich dem  medizinisch – industriellen Komplex, der  die Sucht erst erzeugt hat, ein weiteres  Mal anvertrauen möchte.

Ein starkes Argument gegen jedwede Psychopharmaka und für einen Entzug ist,  dass Menschen unter Psychopharmaka  verlernen, ihre Gefühle und Gedanken zu  steuern. Dies muss beim Entzug unter Umständen erst wieder gelernt werden.

Das Wichtigste

Da jeder Mensch anders ist, lässt sich  nichts verallgemeinern. Jede/r muss selbst  herausfinden, was ihr/ihm gut tut. Dazu ist eine gewisse Selbstbeobachtung  notwendig, die erlernbar  ist.

Der häufigste Fehler

Man fühlt sich bereits nach dem ersten oder zweiten Schritt des Absetzens besser. Man denkt: Wie gut muss es mir erst gehen, wenn ich gar nichts mehr nehme? Der Rest der “Medikamente” wird schlagartig (oder auch nur zu schnell) abgesetzt, man dreht durch, oft mit erneutem Anstaltsaufenthalt.

Ein weiteres wichtiges Argument für langsames Absetzen: Das Auftreten der bislang unbehandelbaren Spätdyskinesien (Spätbewegungsstörungen) wird durch rasches Absetzen begünstigt.

Also: langsam!

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Soll ich die Psychopharmaka absetzen?

Zur Beantwortung dieser Frage gilt es eine Reihe von Umständen gegeneinander abzuwägen. Häufig ist eine verbesserte Lebensqualität auch durch ein schrittweises Reduzieren der bislang eingenommenen Psychopharmaka auf eine niedrigere Dosis zu erlangen. Es gibt nicht nur die zwei Möglichkeiten ganz oder gar nicht.

Folgende Fragen sollten bei einer Entscheidung berücksichtigt werden

  1.  Wie ist meine Lebensqualität jetzt?
  2. Wie schlimm war die Ver-rücktheit oder Niedergeschlagenheit, derentwegen ich mit dem Psychopharmakakonsum begann?
  3. Haben die Psychopharmaka in der Akutsituation wirklich geholfen oder erfolgte eine Verbesserung meines Zustands erst nach vielen Monaten der Einnahme?
  4. Ist eine Vorbeugewirkung der Psychopharmaka bei mir vorhanden?
  5. Gibt es Lebensumstände, die mir so auf der Seele liegen, daß es kein Wunder ist, daß es mir schlecht geht?
  6. Kann (will) ich diese Lebensumstände ändern?
  7. Würde ich diese Lebensumstände ändern, wenn es mir (noch) schlechter ginge?
  8. Wieviel Energie habe ich bislang in die Änderung meines Lebens gesteckt?
  9. Wieviel Hoffnung habe ich bislang darein gesetzt, daß mir (nur) das richtige “Medikament” hilft?
  10. Was wären die beruflichen und privaten Folgen einer erneuten Ver-rücktheit (Niedergeschlagenheit)?
  11. Sind frühere Absetzversuche gescheitert?
  12. Wenn ja, was ist heute anders und was kann ich heute anders machen, daß ich diesmal nicht scheitere?

 Bemerkungen zu den Fragen

  1.  Ist die Lebensqualität gut oder ausgezeichnet, bleibt noch das Argument möglicher Langzeitschäden um abzusetzen. Drogen- oder “Medikamenten”freiheit ist kein Wert an sich, man will länger und besser leben. Geht das mit Psychopharmakaeinnahme, soll man es tun.
  2. Die meisten Ver-rücktheits- oder Niedergeschlagenheitszustände sind nicht so schlimm, als daß sie die vorbeugende Einnahme hochriskanter Neuroleptika oder Antidepressiva rechtfertigen. Anders sieht es aus, wenn ich mich oder andere massiv geschädigt habe. Dann sollte ich mir vor dem Beginn des Absetzens ziemlich sicher sein, daß das nicht wieder passiert.
  3. Eine Niedergeschlagenheit (Ver-rücktheit), die erst nach vielen Monaten ärztlicher Bemühungen verschwindet, hätte genausogut auch ohne diese Bemühungen verschwinden können. Es ist bekannt, daß diese Seelenzustände auch “von selbst” wieder “verschwinden” können.
  4. Psychiater/innen behaupten, eine Dauermedikation mit Neuroleptika oder Lithium habe eine vorbeugende Wirkung gegen Psychosen. Selbst wenn man die im Auftrag der Pharmaindustrie erstellten Studien, die diese Vorbeugewirkung “beweisen”, ernst nimmt, bleibt doch die Tatsache, daß viele Psychiatrie-Erfahrene trotz einer prophylaktischen (=vorbeugenden) Medikation immer wieder in der Psychiatrie landen. Wenn also eine Vorbeugewirkung im Einzelfall nicht vorhanden ist, gibt es auch keinen Grund, die Risiken der Dauermedikation in Kauf zu nehmen.
  5. Psychiater/innen reden lieber über Neurotransmitter oder mysteriöse Krankheiten als über Einsamkeit, Partnerschaftsprobleme, Mobbing, Prüfungsstress, Liebeskummer oder die Sinnlosigkeit des Lebens. Davon versteht nämlich fast jede/r was. Und dazu braucht es leider auch keine hochbezahlten Spezialisten.
  6. Wenn ja, dann braucht es nach einer Änderung vielleicht auch keine Drogen, pardon Medikamente mehr. Oft scheitern Absetzversuche daran, daß die der Ver-rücktheit oder Niedergeschlagenheit zugrunde liegenden Probleme nicht gelöst wurden. Oft haben die Psychopharmaka das Problem nur aus dem Blickfeld gedrängt. Aber Vorsicht: Nicht für jedes Problem gibt es eine Lösung. Und: Nicht jedes Problem ist für jeden Menschen lösbar. Besser mit Psychopharmaka halbwegs erträglich leben, als nach unüberlegtem Absetzversuch mit noch mehr Psychopharmaka eine massive Einbuße der Lebensqualität erleiden.
  7. Wenn nein, in Ordnung. Wenn ja, bedeutet das, meine Lebensumstände haben etwas mit meiner Befindlichkeit zu tun. Auch jetzt schon, wo es mir (noch) nicht ganz schlecht geht. Auch jetzt könnte ich an den Lebensumständen (Arbeit, Wohnen, Freundschaften, Beziehung, Einsamkeit usw.) etwas verändern. Vorsicht: Verändern ist nicht dasselbe wie verbessern.                                        
  8. Wenn viel: Habe ich die Energie an der richtigen Stelle investiert? Beispiele: Einen Berufsabschluss oder eine Berufstätigkeit anstreben, der/die für mich selbst in unerreichbarer Ferne liegt. Obwohl die dritte Therapie auch wieder nichts gebracht hat, alle Hoffnung darein setzen, daß es die vierte Therapie bringen wird. Wenn wenig oder gar keine: Warum nicht? Gab es wichtigeres zu tun? Haben mir die Psychopharmaka alle Kraft geraubt? War es die Diagnose “psychisch krank”, die mir alle Anstrengungen vergeblich scheinen ließ?
  9. Wenn viel: Ein Fachmann (Friseur, Installateur, Arzt, Steuerberater) wird deswegen konsultiert, weil er etwas besser kann als man selbst. Erfolge qualifizieren, nicht ein Berufsabschluß. Seelische und soziale Probleme zu unheilbaren psychischen Krankheiten umdeuten und davon reden, daß die Wissenschaft noch nicht so weit sei, kann der blutigste Laie. Erfolge machen den Experten aus und sonst nichts.
  10. Absetzen bedeutet eine Chance, beinhaltet aber auch ein zusätzliches Risiko. Wenn z.B. eine wichtige Prüfung kurz bevor steht, ich heiraten möchte oder sonst etwas Wichtiges in den nächsten Monaten vorhabe, sollte ich mir überlegen, ob ich diese Vorhaben diesem zusätzlichen Risiko aussetzen will. Was spricht dagegen, bis nach dem wichtigen Ereignis mit dem Absetzen zu warten?
  11. Wenn nein, in Ordnung. Wenn ja, warum? Diese Frage ist wichtig. Ich setze nicht ab, um abzusetzen, sondern damit es mir dauerhaft besser geht.
  12. Häufigster Fehler ist zu schnelles Absetzen. Je länger der Konsum gedauert hat, um so mehr Zeit sollte in das Absetzen investiert werden. Wer 10 Jahre lang Psychopharmaka genommen hat, kann sich durchaus ein Jahr fürs Absetzen Zeit lassen.

Nachbemerkung: Drei drogenfreie Monate ohne Ver-rücktheit oder Niedergeschlagenheit heißen nicht viel. Ab 12 Monaten ohne Psychopharmaka weiß man, daß die Entscheidung zum Absetzen nicht völlig verkehrt war. Auch nach Monaten oder Jahren der Drogenfreiheit können neue Ver-rücktheits- oder Niedergeschlagenheitszustände auftreten.

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„Freiheit heilt!“

Dies war bekanntlich der von italienischen Psychiatriereformern zu uns herüberschallende Ruf Ende der 70er Jahre. Damals, bei der per Gesetz verfügten Abschaffung der Irrenanstalten in Italien und den daran als Leitbild orientierten, durchaus ermutigenden Anfängen der Psychiatriereform in Deutschland. Heute, fast 30 Jahre später, ist es vielleicht an der Zeit, zu fragen, was denn aus dieser Reformbewegung und vor allem aus dieser Erkenntnis hier bei uns geworden ist.

Nun, was die Reform angeht, so scheint sie inzwischen das Los all jener Veränderungsbemühungen zu teilen, die nicht tief genug in die alten Strukturen eingreifen, die nicht radikal genug die bestehenden Verhältnisse in Frage stellen und die nicht weit genug nach vorne blicken: Sie landen schon recht bald auf der Verwaltungsebene, dort, wo in kleiner Münze abgerechnet wird, und wo das reibungslose Funktionieren des Bestehenden und die vordergründige Frage, was das noch nicht Verwirklichte denn kostet, die einzige und viel zu kurze Richtschnur zu sein scheint. Die Alltagspraxis, in der das Abweichende, auch in der Psychiatrie, nur stört, lässt eine wirkliche Reform nicht zu, allenfalls ein Renovieren. Sie glättet alles nach und nach, bis fast nichts mehr an den ursprünglichen Veränderungswillen und die einstigen Ziele erinnert. Zeugnis hierfür und ihr Stein gewordener Ausdruck sind für mich die aus der Anfängen der Reform stammenden neuen „Bettenburgen“, wie sie nun überall in den „verkleinerten“ Großkliniken zu finden sind, und die ja nun wirklich nicht für einen Neuanfang in der deutschen Psychiatrie stehen. Das Alte hat lediglich eine neue Tapete gekriegt.

Aus der ursprünglich klaren Forderung der deutschen Reformer nach Auflösung der psychiatrischen Anstalten wurde dann schon bald die „Verkleinerung der psychiatrischen Großkliniken“, was nun wieder etwas ganz anderes ist, und es erinnert mich schon ein wenig an den rätselhaften Parolenwechsel der Wende-Demonstranten 1990, wie sich da aus dem trotzigen: „Wir sind das Volk!“, auf einmal der alles übertönende Fahnenschwenkerruf: „Wir sind ein Volk!“ entwickelte. Den Rest kennt jeder. Endgültig auf der Verwaltungsschiene angekommen war die Psychiatriereform dann mit der „Sektorisierung“, die lediglich nur noch eine Schreibtischoperation war, die niemandem mehr wirklich weg tat, und die bestehenden Verhältnisse nicht antastete.

Zwischenzeitlich wird sogar über die Umwandlung der psychiatrischen Fachkrankenhäuser unter Zerschlagung des bisher noch erkennbaren Regionalbezuges in psychiatrische Spezialkliniken nachgedacht. Solche aus Fachkreisen stammenden Ideenträger mögen damit ja einem gerade herrschenden Trend zur weiteren Ausgrenzung bzw. Entwurzelung bestimmter Problemgruppen in der Bevölkerung folgen, mit Sozialpsychiatrie hätte das dann aber nichts mehr zu tun. Ich halte solche Bestrebungen vielmehr für inhuman und unter fachlichen Gesichtspunkten für nicht vertretbar, allenfalls mit kurzfristigen wirtschaftlichen Erwägungen und Fragen des Bestandserhaltes erklärbar.

Analog dazu gewinnt derzeit augenscheinlich die Riege der psychiatrisch tätigen Ärzte, deren biologistische Denk- und Arbeitsweise ihre Entsprechung in der Wahl ihrer höchst einseitigen Behandlungsmittel findet, immer mehr an Bedeutung. Bei Psychosen ist dies vor allem die Medikamentengruppe der Neuroleptika, diese möglichst auch noch in der vermeintlich vorbeugenden Depot- bzw. Dauerbehandlungsform. Neue, nebenwirkungsärmere Medikamentenentwicklungen sind zusätzlich auf breiter Front in der Anwendung. Gerade entstehende psychiatrische Früherkennungszentren, deren Aufgabe und Ziel die Erfassung und frühzeitige medikamentöse Einstellung vorgeblich psychosegefährdeter Kinder und Jugendlicher auf eine Dauermedikation ist, die den Ausbruch von Psychosen verhindern sollen, unterstreichen den vorherrschenden Trend zum biologistischen Ansatz in der psychiatrischen Praxis und Forschung.

In die gleiche Richtung weisen m. E. die so genannten „Kompetenznetze“ zum Thema Schizophrenie und Depression. All diese neuen Initiativen seitens der etablierten Psychiatrie und Pharmaforschung, die überdies kräftige finanzielle Förderung seitens der Politik und publizistische Rückenstärkung durch die Medien erfahren, gehen offenbar von der These aus, dass allein nachweisbare Stoffwechselprozesse im Gehirn Auslöser und Ursache von psychischen Erkrankungen sind, und allein diese einer Behandlung mit psychogenen Substanzen zugänglich sind. Hier wird vermutlich zur Zeit bestimmt, welche Fragen wohl auf absehbare Zeit in der von dieser Seite betriebenen Forschung untersucht und beantwortet werden sollen. Ich frage mich, ob nicht solches Forschen zwangsläufig zu Ergebnissen führt, die den Einsatz ihrer Sponsoren auch lohnen.

Bedeutet dies alles nun das Ende und die Blockade jeder anderen, darüber hinausgehenden und die Person des Erkrankten und dessen psychische Potenziale in den Mittelpunkt stellenden Entwicklung in der Psychiatrie und in deren unabhängiger Begleitforschung? Ich glaube nicht. Es gibt inzwischen eine organisierte Gruppierung im psychiatrischen System, der auch ich angehöre, die dies nicht mehr zulassen wird, die gerade dabei ist, ihre verändernde Kraft zu entdecken: die Psychiatrie-Erfahrenen selbst. „Freiheit heilt!“ umschreibt heute für mich vor allem einen Entwicklungsprozess vieler Psychiatrie-Erfahrener auf der individuellen Ebene, die ihr Heil schon längst nicht mehr ausschließlich in der medizinisch orientierten Schulpsychiatrie, in den psychiatrischen Institutionen suchen und keineswegs nur an medikamentös erzeugte Symptomfreiheit denken, wenn von Freiheit die Rede ist, sondern dies durchaus existenziell verstehen. Als Befreiung von psychiatrischer Bevormundung, in der möglichen Freisetzung der in jedem Individuum angelegten psychischen Selbstheilungskräfte; als die Erlangung von Freiheit in der selbstverantworteten Existenz.

„Und wie könnte er aussehen, dieser selbstbestimmte Weg ins Leben?“

Nach meinen Dafürhalten wäre dies vor allem über eine in den verschiedensten Formen der Psychotherapie erreichbare Veränderung des inneren Bildes von sich selbst und dessen Annäherung an die real bestehenden, persönlichen Lebensbedingungen möglich. Diese Angleichung vollzieht sich in einem meist längerfristigen Prozess, dessen mögliche zweifache heilsame Wirkung darin besteht, dass beides, der Blick auf sich selbst und die äußeren Lebensumstände in Bewegung geraten, sich aus Erstarrungen lösen. Jegliche Therapie, vor allem Psychotherapie verstehe ich also als die Möglichkeit, mit der Hilfe eines anderen seine Selbsthilfemöglichkeiten zu aktivieren. So kann nun auch im Austausch zwischen dem Patienten und dem Therapeuten versucht werden, die einer psychischen Erkrankung zu Grunde liegenden inneren Konflikte zu erkennen und aufzuarbeiten. Oder einfacher ausgedrückt: die Hilfe liegt in der Aussöhnung mit sich selbst. Die Rolle des Therapeuten bzw. des psychiatrisch Tätigen hierbei ist die eines verständnisvollen Vermittlers, also nicht desjenigen, der etwas „verordnet“. Die selbst verspürte Notwendigkeit und der Wunsch des Patienten, zu einem harmonischeren Verhältnis zu sich selbst zu kommen und der feste Wille dazu, ist bereits der erste Schritt zur Heilung und gleichzeitig unabdingbare Voraussetzung. Einen anderen Weg gibt es vermutlich nicht.

Eine Psychose ist für mich so etwas, wie ein Geburtsvorgang, bei dem am Schluss ja bekanntlich die Abnabelung (Selbstbestimmung) steht. Gelungene Psychotherapie sorgt hier also für den guten Verlauf, ist Geburtshilfe, der Klaps auf den Hintern, der den ersten befreiten Schrei auslöst. Psychosentherapie sollte m. E. demnach Psychotherapie sein. Medikamentös erzeugte Symptomfreiheit oder besser Symptomverdrängung genügt also nicht, ist aber bis zu einem gewissen Grad vielleicht Voraussetzung hierfür. Die Praxis zeigt aber, dass die meisten der als niedergelassene Nervenärzte arbeitenden Mediziner – und sicher nicht nur die – sich bei ihrer Tätigkeit auf die medikamentös bewirkte vorübergehende Symptombeseitigung bzw. -besserung beschränken müssen. Etwas anderes ließen ihre Ausbildung und wirtschaftliche Erwägungen, auch seitens der Kostenträger, vermutlich gar nicht zu. Psychotherapie gehört eben nicht zum Standardangebot für psychisch Kranke, ist aber nichtsdestoweniger abrechenbare Krankenkassenleistung, wird aber wohl leider ziemlich schlecht bezahlt. Finanzierbar sind natürlich auch die dahin führenden, vorbereitenden Behandlungsschritte. Richtig teuer ist eigentlich nur die Chronifizierung.

Die Abhängigkeit von Psychopharmaka, die ja eigentlich für sich besehen schon wieder einen Erkrankungszustand darstellt, vor allem wenn man die zu erwartenden Folgeschädigungen bei unsachgemäßer Dauermedikation bedenkt, bleibt dagegen in der Regel vielfach über Jahrzehnte, wenn nicht gar lebenslang erhalten. Der Patient wird so lediglich „versorgt“; von Heilung, die durchaus möglich wäre, mag man unter diesen Umständen gar nicht reden, von Freiheit noch viel weniger. Da aber diese Art der Hilfe in Wahrheit niemandem nützt, erst recht nicht jenen, die wirkliche Hilfe bräuchten, verringert sich natürlich auch niemals deren Hilfebedarf, im Gegenteil. Das ist die Stunde der Einrichtungsplaner, und es entstehen, zusätzlich zu den bereits vorhandenen stationären psychiatrischen Einrichtungen, die der Akutbehandlung dienen, neue Institutionen, z. B. Übergangs- und Langzeitheime, Außenwohngruppen, Tages- und Begegnungsstätten. Ein enges Netz von mehr oder weniger gemeindenahen psychiatrischen Hilfen und Institutionen tut sich auf, in dem man sich, erst einmal als Hilfesuchender darin erfasst, nur allzu leicht ausweglos verfängt. Es ist doch alles da, was man braucht, um u. U. fortan ein Leben gänzlich in der Obhut der Psychiatrie und in Abhängigkeit zu ihr zu führen. In dem gesonderten Arbeits- und Beschäftigungsbereich für psychisch Behinderte findet dann diese kaum noch ein Schlupfloch lassende und die gesellschaftliche Ausgrenzung zementierende Wirkung der psychiatrischen Versorgung unter dem Vorzeichen der Integration und der Rehabilitation seine Fortsetzung.

Diese beiden aus Profimund reichlich oft zu hörenden Begriffe sagen ja an sich noch nichts darüber aus, ob jemand wirklich wieder rehabilitiert und in die Gesellschaft integriert wurde. Dient deren Verwendung in solchen Einrichtungen also dazu, diesen Sachverhalt zu verschleiern? So lange sich jemand in einer Einrichtung befindet, verhält er sich auch entsprechend angepasst. Erst das Draußensein erfordert und ermöglicht doch andere Verhaltensweisen als die, „Insasse“ oder Patient zu sein. Erst hier steht diese Art der institutionellen Hilfen doch wirklich auf dem Prüfstand. Müssen wir uns also noch fragen, warum es so viele nicht schaffen, hier wieder herauszufinden? – Das psychiatrische System speist sich so aus sich selbst, schafft sich seinen eigenen Bedarf. Es entsteht ein Kreislauf zwischen dem stationären, teilstationären und ambulanten Sektor, der immer neue psychiatrisch-administrative Probleme erzeugt, inklusive seiner institutionellen Scheinlösungen. Die an der tatsächlichen Bedarfslage vorbeigehenden und Fehlentwicklungen provozierenden gesetzlichen Grundlagen für diese Art von Hilfen tun hier ein übriges. Psychosozial ist das alles schon längst nicht mehr, oder nur noch insofern, als Psychiatrie eben auch ein Teil der öffentlichen Armutsverwaltung ist.

„Kann man denn Armut psychiatrisch behandeln?“

Nein, aber sie lässt sich psychiatrisieren, und das ist das Gegenteil von heilen und von Freiheit.

Chronizität rührt immer von einem nicht richtig erkannten Hilfebedarf her, der folglich auch nicht mit den angemessenen Hilfen beantwortet werden kann. Ist aber erst einmal ein solcher verfestigter Zustand erreicht, potenziert sich natürlich auch der Hilfebedarf, oder besser die Hilflosigkeit. Psychisches Leiden kann man aber grundsätzlich nicht mit einem institutionalisierten Angebot lindern, allenfalls verwalten. Chronizität ist von Chronos, dem griechischen Begriff für Zeit abgeleitet. Das bedeutet also, medizinisch betrachtet, dass eine Erkrankung im Laufe der Zeit unbehandelbar wird, sich also verschlimmert, wenn ihre Behandler den Faktor Zeit außer acht lassen, die einzelnen angewandten Behandlungsschritte oder Therapien nicht zeitlich befristet sind, wovon eine Behandlung, die den Anspruch auf Wirksamkeit stellt, eigentlich ausgehen müsste.

Wirksamkeit verstehe ich dabei als das bloße in Gang setzen oder Anstoßen einer Wirkung, um Selbsthilfe oder -heilung zu ermöglichen. Wenn dann nach einer gewissen Zeit keine Besserung erkennbar ist, muss eben diese Art der Intervention beendet und eine andere versucht werden. Wenn aber nicht so vorgegangen wird, kann denn dann überhaupt eine Behandlung, die diese Bezeichnung verdient, stattgefunden haben? – Ich glaube, es ist nicht völlig falsch, dieses medizinisch/stoffliche Denkmodell auf die Gegebenheiten in der Psychiatrie zu übertragen.

Was hilft also? – Vielleicht letztlich wirklich nur das, was dem Erkrankten an Hilfemöglichkeiten aus sich selbst heraus (Empowerment) zur Verfügung steht. Wobei diese Möglichkeiten aufzuspüren, wohl umfassende therapeutische Wegbegleitung erfordert, die in der Hauptsache darin bestehen wird, ihn, den Patienten immer wieder zu ermutigen, genau diesen, den für ihn einzig richtigen Weg zu gehen. Wobei der ursprünglich eingeschlagene, nämlich die Erkrankung selbst, manchmal wichtige Hinweise auf die Wegfindung zur Heilung in sich bergen kann. Vielleicht wird vielen Hilfesuchenden aber auch dabei schon klar, dass der Weg bereits das Ziel ist. Das bedeutet, das „Auf dem Weg sein“ ist bereits die gesuchte, glücklichere Lebensform, ein Mittel gegen Stillstand, Rückzug und Resignation.

„Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.“

Eine populäre und immer wieder gern zitierte Volksweisheit, dieser Spruch. Ist das nun die Redensart von eigentlich Gleichgültigen, die mit dem, was andere betrifft, im Grunde nichts zu tun haben wollen, oder was ist dran, an dieser die Eigeninitiative dermaßen in den Himmel hebenden „Heilslehre“? Was bedeutet sie für diejenigen, die nun mal mit ihren Problemen und inneren Konflikten nicht mehr allein fertig werden und sich Hilfe vom psychiatrischen System erhoffen, was für deren ratlose und vielleicht selbst gefährdete Angehörige und was für die sich vielleicht überfordernden Helfer?

Wenden wir sie erst einmal auf die Psychiatrie-Erfahrenen an, so denke ich in erster Linie an die wachsende Zahl der Selbsthilfegruppen innerhalb und außerhalb des psychiatrischen Systems. Sie bekommen Zulauf von jenen, deren innerer Impuls zur Selbsthilfe und zur Selbstbestimmung in der Psychiatrie noch nicht erstickt wurde, oder als gesunde Reaktion auf deren entmündigende Tendenz wiedererwacht ist, als der „Göttliche Funke“ sozusagen. Wirkprinzip dieser Organisationsform ist die individuelle Stärkung des Einzelnen durch den Zusammenschluss von in ähnlicher Weise Betroffenen. Selbsthilfegruppen bilden eine sinnvolle und notwendige Ergänzung zum professionellen Hilfesystem im Bereich der Vor- und Nachsorge. Professionelle psychiatrische Behandlung greift vor allem in der Akutphase einer Erkrankung. Die bestehenden „tagesstrukturierenden Angebote“ der institutionellen psychiatrischen Vor- und Nachsorge halte ich dagegen wegen ihrer Tendenz zur abhängig machenden Vollversorgung ihrer „Nutzer“ für eher schädlich.

Wirksamen Schutz vor einem Rückfall bietet also nur ein umfassende Umgestaltung der krankheitsauslösenden persönlichen Lebenssituation und eine Änderung der inneren Einstellung zu sich selbst. Dies kann natürlich nicht von heute auf morgen geschehen, sondern ist Ziel einer langfristigen schrittweisen persönlichen Entwicklung und selbstverständlich nicht Aufgabe der Psychiatrie, sondern, wenn überhaupt, von begleitender Psychotherapie. Eine therapeutische Bindung an die behandelnde Einrichtung über die Akutphase hinaus behindert ebenfalls m. E. eher eine solche Entwicklung, als dass sie diese fördert, da jene immer aus der institutionalisierten, die Eigeninitiative blockierenden Versorgerrolle heraus tätig wird, ganz gleich, um was es geht. Befreiendes Ziel aber ist und bleibt die umfassende Selbstsorge.

Selbsthilfegruppen sind Anlauf- und Beratungsstelle für Gefährdete und Genesende, also der Menschen, die sich zu Recht von der Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppierung eine Stabilisierung ihrer psychischen Situation, Hilfe im Alltag und bei der Entwicklung einer Zukunftsperspektive erhoffen. Sie sind soziales Lernfeld und eine notwendige Erweiterung ihres mitmenschlichen Bezugssystems. Mit dem psychischen Zusammenbruch und dem Ausbruch einer psychischen Erkrankung geht oftmals die Gefährdung bzw. der Verlust des persönlichen Bezugssystems einher. Nach einem Klinikaufenthalt wird der mit einer psychischen Erkrankung verbundene gesellschaftliche Makel offenbar, ist die bisherige soziale Stellung, auch die innerhalb der Familie gefährdet, und man spielt für lange Zeit, vielleicht auch für immer eine Außenseiterrolle. Da kann die Zugehörigkeit zu einer Selbsthilfegruppe, zeitweise oder auf Dauer, das entstandene soziale Vakuum fürs erste ausfüllen, der Ort sein, wo man wieder Ansprechpartner findet, wo man unter seinesgleichen ist.

Das eben gesagte lässt sich ohne weiteres auf die Situation der Angehörigen psychisch Kranker übertragen. Die Selbstbefreiung aus der Abhängigkeit von ihrem als krank angesehenen und dementsprechend schonend behandelten Angehörigen und die vollzogene innere Abgrenzung zu den oftmals verzweifelt als alleinige „Heilsbringer“ hochstilisierten professionellen Helfern, würde vielleicht sowohl ihnen, als auch ihrem erkrankten Angehörigen jenen heilsamen Spielraum für eigenes Handeln und Verantworten verschaffen können, der allein Aussicht auf ein erträgliches familiäres Zusammenleben bringen könnte, so lange dies denn noch möglich wäre. Die beste, weil für alle Beteiligten Entwicklungsmöglichkeiten eröffnende Form der Unterstützung ihres erkrankten Angehörigen liegt m. E. demnach in der sich abgrenzenden Achtsamkeit für sich selbst. Auch hierfür ist die Selbsthilfegruppe (für Angehörige) der richtige Ort des voneinander Lernens.

„Und die Profis, was ist mit deren Befreiung und Heilung?“

Auch hier wird m. E. der Blick auf die eigene Person zum entscheidenden Instrument der Selbsthilfe. Wir alle kennen die Berichte von sich bis an den Rand des Zusammenbruchs überfordernden Klinikärzten und anderen „Engeln in weiß“ aus den Medien. Dramatisch dargeboten und mit schönen Menschen besetzt, ist diese vermeintlich heroische und Aufopferung signalisierende Haltung denn auch geradezu das Salz in der Suppe der so beliebten „Weißen Serien“ im TV. Die Wirklichkeit, d. h. der notwendige Blick auf die Kehrseite offenbart etwas anderes, auch in der Psychiatrie: Zum Glück erfahren wir aus denselben Medien eben auch etwas über die Auswirkungen dieses meist von wirtschaftlichen Zwängen innerhalb der Institution herrührenden Leistungsdrucks seitens der Klinikleitungen und der damit einhergehenden Selbstüberschätzung beim medizinischen Personal.

Gefühle des Ausgebranntseins und Behandlungsfehler bis hin zum psychotischen Fehlverarbeiten von anders nicht mehr beherrschbaren Versagensängsten in Form von vermeintlich heilsbringenden Patiententötungen sind, wie wir wissen, im schlimmsten Fall die Folge. Im großen Stil geschahen solche Patiententötungen in der Psychiatrie und in anderen, vom Dogma der Unheilbarkeit betroffenen medizinischen Bereichen bekanntlich in der Zeit der „Kollektivpsychose“ des Nazi-Regimes. Heilsam und human wäre hier vor allem eine Rückbesinnung aller Beteiligten auf die Unvollkommenheit und Begrenztheit allen menschlichen Seins, also auch des medizinischen und des psychiatrischen Handelns gewesen. Aber dies hätte gleichzeitig wohl auch die Anerkennung der Individualität des Einzelnen und demnach auch die gesellschaftliche Akzeptanz individuellen behinderten Lebens bedeutet, was aber vermutlich nicht mit dem, Abweichungen jeglicher Art ausschließenden Allmachtsanspruch einer Diktatur und den damals vorherrschenden Wertvorstellungen der unter ihr lebenden Gesellschaft zu vereinbaren gewesen wäre.

Und heute? – Eine dem sehr ähnelnde aktuelle Gefährdung des Selbstverständnisses der Heilberufler, auch der psychiatrisch tätigen, könnte sich durch die, neue Wege in der Krankheitsbekämpfung auftuende Gentechnik samt ihrer von vielen erhofften, von anderen aus gutem Grund befürchteten Möglichkeiten der Früherkennung und der vorgeburtlichen Diagnostik entstehen, wenn diese all das tun würden, was voraussichtlich möglich sein wird und folglich auch von ihnen verlangt werden wird. Auch diese Entwicklung, vor allem unter dem sich im Zeichen der sogenannten „Bioethik“ derzeit offenbar wandelnden Ethikverständnis, könnte wiederum nur allzu leicht in die Bekämpfung der Erkrankten und Behinderten umschlagen.

Medizingläubigkeit in der Psychiatrie, welche einseitig auf die Verabreichung und Dauermedikation von Psychopharmaka als einziger Hilfemöglichkeit setzt und gleichzeitig damit den Betroffenen eine bloß passive, konsumierende Rolle zuweist, verhindert damit, dass andere Wege zur möglichen Heilung, solche, die Selbständigkeit und Eigenverantwortung fördern und voraussetzen, überhaupt gesehen, geschweige denn erprobt werden können. „Hilfe zur Selbsthilfe“, ein in den anderen Medizinzweigen durchaus zur Anwendung kommender Heilungsgrundsatz, im Bereich der Psychiatrie scheint er bisher weitgehend unbekannt geblieben zu sein.

Rollenspiel: Ich als Patient

Psychiatrisch, überhaupt medizinisch behandelt zu werden ist etwas, was von mir als Patient entweder passiv erduldet, aktiv unterstützt oder brüsk abgelehnt werden kann, bisweilen also auch gegen meinen Willen passiert, zumindest in der Psychiatrie. Für gewöhnlich entscheide ich mich bei entsprechendem Leidensdruck, sei der nun psychischer oder mehr körperlicher Natur, für die mich erst einmal entlastende, kooperative, jedoch auch Zuwendung einfordernde Patientenrolle. D. h., ich versuche zumindest diesen Leidensdruck meinen Behandlern gegenüber glaubhaft zu machen, auf möglichst alle Fragen zu antworten und im übrigen meinen Hilfebedarf und meine eigene Hilflosigkeit überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Handelt es sich dabei jedoch um eine Psychose, also um einen Zustand des inneren Steuerungsverlustes, habe ich es selbst naturgemäß nicht mehr in der Hand, welche Informationen ich gebe und welche nicht. Mein Zustand wird offenbar mit allem, was ich äußere, aber auch meine Schutzlosigkeit.

Entweder finde ich nun den Schutz, den ich brauche, oder ich habe das Pech, dass mein Zustand von anderen selbst als Bedrohung empfunden wird, z. B. dadurch, dass meine nicht mehr beherrschbare Angst in der Maske der Aggression auftritt, und ich auf meine Mitmenschen dadurch selbst beängstigend wirke. Dann wird dadurch höchstwahrscheinlich etwas in Gang gesetzt, was meinen disparaten Zustand endgültig zur Höllenfahrt werden lässt: die Zwangseinweisung. Das bedeutet, psychiatrische Behandlung bei gleichzeitigem Freiheitsentzug. Ist mir bereits in der Psychose die gewohnte Alltagsidentität abhanden gekommen, verliere ich nun auch noch durch den Einsatz polizeilicher bzw. behördlicher Gewalt gänzlich die Selbstbestimmung über das, was mit mir geschieht und darüber, wo dies geschieht. Ist eine abgründigere, beängstigendere Verunsicherung überhaupt vorstellbar?

Am Behandlungsort, in einem solchen Fall die psychiatrische Klinik, findet dann dieses persönliche Drama, sein vorläufiges, meist medikamentös herbeigeführtes Ende in der anonymen Atmosphäre einer Akutstation, in der ich mich zwischen denen wiederfinde, die gleichermaßen ruhiggestellt sind, vielleicht auch ähnliches erlebt haben, die mir aber im übrigen völlig fremd sind, einschließlich der für diesen Bereich zuständigen Ärzte und PflegerInnen. Handelt es sich jedoch um eine erneute Aufnahme, treffe ich dort u. U. sogar „alte Bekannte“, habe aber noch weniger die Gewähr dafür, angemessen und respektvoll behandelt zu werden. Man gibt vor, mich zu kennen, verwechselt dies aber meist mit dem Vorurteil, das man von mir hat oder mit dem, was über mich bereits in den Akten steht. Das ist kein Wiedererkennen, sondern die Kenntlichmachung oder auch der Beginn der Stigmatisierung.

Wenn ich nun wieder den Blick auf die Angehörigen psychisch Erkrankter richte, kann ich einmal auf Beobachtungen in der Familie, in der ich selbst aufgewachsen bin zurückgreifen und auf Eindrücke, die ich im Umgang mit Angehörigen von Mitbetroffenen gewonnen habe. Es ergibt sich daraus selbstverständlich kein festes Bild, aus dem man schließen könnte, so und nicht anders sind Angehörige.psychisch Kranker. Ein sich mit der Zeit verfestigender Eindruck ist aber der, dass viele ihre Rolle oft überinterpretieren und dabei irgendwie den Eindruck von Unausgewogenheit oder des Angespanntseins hinterlassen. Entweder wirken sie auf mich zu behütend und reglementierend oder sie sind zu stark auf Abgrenzung gegenüber ihrem erkrankten Angehörigen bedacht. Es treten glaube ich, auch nicht selten beide Übertreibungen gleichzeitig in einem Familienverband auf.

Woran liegt das, woher rührt dieser Eindruck? Ich glaube, in ihm spiegelt sich die ganze Verunsicherung und Überforderung wieder, die in einer Familie entsteht, wenn erst einmal bei einem seiner Mitglieder alle Dämme gebrochen sind, wenn dessen Verrücktheit offen zu Tage getreten ist, und das nicht mehr zur Selbstkontrolle fähige Familienmitglied womöglich zu einer Gefahr für das bisher ungestörte, vielleicht aber auch nur noch mühsam aufrecht erhaltene öffentliche Bild von Familiennormalität geworden ist. Denn wie begegne ich als Angehöriger denn der Gefahr, die darin liegt, dass von einem mir nahestehenden Menschen das bisher nach innen Schutz und nach außen Ansehen bietende Sozialgefüge Familie in Frage gestellt wird; was, wenn gar dessen öffentliche Preisgabe droht? – Einerseits bin ich selbst rat- und hilflos gegenüber dem auf mich bedrohlich wirkenden psychischen Zustand meines erkrankten Angehörigen, dem ich mich aber gleichzeitig zur Hilfe und zum Beistand verpflichtet fühle. Andererseits möchte ich alles tun, um diese hautnah verspürte Gefahr, die meiner gesamten übrigen Familie von diesem einzelnen Mitglied droht, abzuwenden. Sehe ich überhaupt noch eine andere Möglichkeit um mit dieser Situation fertig zu werden, als Hilfe und Verstärkung von außen herbeizuholen und nach Instanzen zu rufen, von denen ich weiß, dass diese in solch einem Fall zur Hilfe verpflichtet sind und gleichzeitig die Ordnung wieder herzustellen vermögen, nämlich nach Polizei und Psychiatrie?

So gesehen geben Angehörige in ihrem Verhalten ein zutreffendes Bild der im psychiatrischen System, vielleicht sogar der in der Gesellschaft selbst bestehenden Verhältnisse wieder, zumindest was die Beziehung zu deren Minderheiten oder Außenseitern bzw. die Position der Psychiatrie zu ihren Patienten betrifft. Es ist in jedem Fall ihre janusköpfige Erscheinungsform, die solche Brüche zum Vorschein bringt. Kann die Psychiatrie wirklich, ohne das eine durch das andere zu gefährden, diese von ihr geforderte Doppelrolle spielen: einmal die der Zuwendung gebenden, selbstlosen Beschützerin und Helferin, andererseits die, der mit staatlichen Befugnissen ausgestatteten Ordnungshüterin? – Ich glaube, dass die Vermischung beider Rollen, und dies ist Psychiatriealltag, ein hohes Risiko der Unglaubwürdigkeit mit sich bringt, zu Spaltungen und zum Verlust der Ganzheitlichkeit führt. Im System und bei dem einzelnen psychiatrischen Funktionsträger, und dass diese Doppelfunktion vielleicht sogar der größte Hemmschuh bei der Verwirklichung einer grundlegenden Psychiatriereform ist.

Mit Ganzheitlichkeit meine ich in dem Fall die von vielen Psychiatrie-Erfahrenen in der Behandlungssituation vermisste Authentizität oder Unmittelbarkeit im Umgang mit ihnen. Eine zu Recht erhobene Forderung, wie ich finde, die im Gegensatz steht zu der in der Praxis oft demonstrierten Distanziertheit seitens der psychiatrisch Tätigen. Man führe sich doch einmal vor Augen, dass solche Begegnungen regelhaft in einer Situation stattfinden, in welcher der eine Partner in dieser Begegnung vor einem existenziellen Scherbenhaufen steht, vielleicht sogar versucht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Was denn anderes als Mitmenschlichkeit und ungeteilte Zuwendung kann denn da wohl gefragt sein? Das aber stellt in der Tat Anforderungen an die Mitarbeiter/innen in der Psychiatrie – im übrigen auch an die Selbsthilfegruppen – denen so manche/r möglicherweise nicht gewachsen ist.

In dem Zusammenhang ist es auch an der Zeit, auf ein scheinbar unausrottbares Missverständnis oder eine hartnäckige Fehlinterpretation seitens vieler psychiatrisch Tätiger hinzuweisen, wann immer von „professioneller Distanz“ die Rede ist: Hier ist keineswegs das innere Abstandhalten zum Patienten gemeint, sondern, im Gegenteil, eher zu sich selbst. In der Weise, dass psychiatrisch Tätige nicht ihre eigenen Unwägbarkeiten, Wünsche und Ängste für die des Patienten halten, sondern diese davon abzugrenzen und zu unterscheiden wissen. Fehlt es aber an dieser Fähigkeit, kann das nur als ein Mangel an persönlicher Autonomie oder innerer Freiheit gedeutet werden. Dies wird sich früher oder später als ein Defizit in der therapeutischen Arbeit erweisen, die doch gerade darin besteht, andere dazu zu befähigen, diese ihnen abhanden gekommene innere Freiheit wiederzuerlangen.

Von der Mitspielerrolle der psychiatrischen Institution und ihrer möglichen Überwindung

Der Psychiatrie, die in der Öffentlichkeit gleichzeitig als heilende medizinische Instanz und Ordnungsmacht erscheint, und mit weitgehenden Befugnissen gegenüber dem Einzelnen ausgerüstet ist, u. a. der Durchsetzung von gerichtlich angeordneten freiheitsentziehenden Maßnahmen, wird im öffentlichen Bewusstsein, entsprechend dieser Rolle, ein hohes Kompetenzmaß zugesprochen. Wie soll ich als Einzelner und gleichzeitig Hilfebedürftiger einer solch mächtigen Institution gegenübertreten, wie meine Individualität und Freiheitsrechte ihr gegenüber wahren; wie mich in einem Raum bewegen, der nach außen mit meist nicht zu öffnenden Fenstern versehen ist, und der es mir nicht gestattet, mich ohne ausdrückliche Erlaubnis der dort Beschäftigten oder ohne ihre Begleitung, wenn auch nur kurzzeitig, aus ihm zu entfernen? Hier kann ich doch nur Gefangener unter Gefangenen sein, in mehrfacher Hinsicht: Unzugänglich in dem psychischen Zustand verharrend, der mich hierhin gebracht hat, und zusätzlich geschockt, wenn nicht gar traumatisiert, von den oftmals furchteinflößenden, kein Entkommen mehr ermöglichenden Umständen meiner Einweisung. Dabei von Menschen umgeben, die ich nicht kenne, die auch nicht das Wort an mich richten, sondern mich Verwirrten erst einmal nur beobachten und zum überwiegenden Teil selbst verwirrt, traurig, oder von innerer Unruhe getrieben scheinen, und die mir quasi einen Spiegel vorhalten: „Sieh’ hin, das bist du nun, ein dir selbst fremd Gewordener.“ Zuvor bin ich möglicherweise in unbekleidetem Zustand neurologisch untersucht und dabei in etwas zu lautem Ton auf meine augenblickliche geistige Befindlichkeit geprüft worden.

Angst führt zur Verdrängung dessen, was ängstigt und hiervon durchtränkt ist in dieser Situation so ziemlich alles: die fremden Gesichter, die unwirtlichen, unbekannten großen Räume, die vielen Gänge und Türen, von denen ich nicht weiß, wo sie hinführen; das sich verstärkende Empfinden des Ausgeliefertseins und das Gefühl des zunehmenden Verlustes von Selbstbestimmung. Unter diesen Eindrücken stehend, muss ich mich dann abermals einem ärztlichen Gespräch stellen, in dem ich Angaben zur Person, zu Vorerkrankungen und zum Einweisungsgrund machen muss und erzählen soll, warum es mir gerade so schlecht geht. Weiß ich das denn überhaupt noch? – Das nun einsetzende Ringen um Worte und Fassung zeigt mich als einen Menschen, der sich nur noch als ein kontur- und willenloses Bündel empfindet, und wahllos jeden hingehaltenen Strohhalm zu seiner Rettung vor dem endgültigen Selbstverlust ergreift. Nun bin ich endlich angekommen, bin ersatzweise erst einmal selbst Teil der mich behandelnden Institution geworden, bis es mir irgendwann wieder gelingt, mich auf mich selbst zu besinnen, mich wieder als wirkliche Person zu begreifen. Und erst jetzt kann ich sagen, warum ich eigentlich hier bin, auf Ansprache mit halbwegs überlegter Erwiderung antworten.

Aber hätte es dazu wirklich in jedem Fall dieses langen Weges bedurft, um wieder zu mir selbst zu kommen? Wahrscheinlich nicht. Denn ich habe an meine zurückliegenden Kontakte mit den verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen, keineswegs nur solche bedrückenden Erinnerungen. Es gab zum Glück dort überall und immer wieder, neben der Vielzahl seltsam anonym gebliebener Kontaktpersonen, auch vereinzelte Begegnungen mit Menschen, die es schafften, mit mir dort wirklich ins Gespräch zu kommen; die sich gegen die Dominanz der Institution zu behaupten wussten und zu denen ich Vertrauen fassen konnte. Was es war, was sie auszeichnete? Nun, sie wussten wohl alle, unabhängig von ihrer Stellung innerhalb der Hierarchie, um die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten mir wirklich zu helfen, und brachten das auch immer wieder zum Ausdruck. Aber damit verbunden war auch immer mehr oder weniger deutlich die wichtigere Botschaft: „Wirkliche Hilfe findest du nur in dir selbst; mach’ dich also auf den Weg.“

Inzwischen weiß ich, dass sie recht hatten. Es ist die nicht bevormundende, wirkliche Angebote bzw. Vorschläge machende Hilfe, die nicht auf die Annahme drängt, sondern wartet, bis du das dir Gemäße herausgefunden hast. Es ist das Menschenmögliche, aber das sollte dann auch geschehen. Erst wenn alle Beteiligten, auch die Psychiatrie-Erfahrenen anfingen, ihre angenommene Rolle und ihre Funktion im Zusammenspiel des herrschenden psychiatrischen Systems kritisch zu hinterfragen; erst wenn Psychiater aufhörten, nach Betten zu zählen, wenn die Krankenpflegekräfte in der Psychiatrie es lernten, mit sich selbst pfleglich umzugehen, und sich nicht weiter als nachrangig empfänden; wenn Sozialarbeiter und -pädagogen mit der Selbsterziehung nicht aufhörten, wenn Angehörige ihre Abhängigkeit erkennen würden, und nur noch sich selbst gehörten – wenn alle sich fragten, was machen wir eigentlich hier, wir haben doch die Wahl – dann beginnt vielleicht ein neues Kapitel in der noch jungen Geschichte der Psychiatrie. Nennen wir es doch ganz einfach “Die Psychiatriereform“.

Lothar Bücher (2001)

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