Ein Erfahrungsbericht von Noah Vale (Pseudonym)

Ich war Klient in der sozialen Einrichtung Ars Vivendi in Berlin-Marienfelde – einer
Einrichtung des DRK Steglitz-Zehlendorf.
Ich behaupte nicht, dass mein Fall der schlimmste ist,
der je im psychiatrischen oder sozialen Hilfesystem passiert ist.
Aber ich glaube, er zeigt exemplarisch,
wie institutionelle Gewalt funktioniert:
nicht laut, nicht dramatisch,
sondern leise, systematisch, eingebettet in Abläufe und Schweigen.

Ich schreibe diesen Text nicht aus Wut.
Nicht aus dem Bedürfnis nach Rache.
Ich schreibe ihn, weil ich irgendwann verstanden habe, dass das, was mir passiert ist, kein
Einzelfall war – sondern System.
Weil ich erlebt habe, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch etwas Schlimmes erlebt und
dann merkt: Das eigentliche Grauen beginnt erst danach.
Wenn die Menschen um dich herum plötzlich schweigen.
Wenn sie dich ansehen, als hättest du etwas gesagt, das nicht gesagt werden darf.
Wenn das, was dir angetan wurde, in einem Meer aus freundlicher Professionalität und
betretenem Wegschauen langsam verschwindet.
Es ist keine Gewalt mit Fäusten.
Es ist leiser.
Feiner.
Aber vielleicht gerade deshalb so perfide.
Man denkt, das Schlimmste war die eigentliche Grenzverletzung – bis man merkt, dass es
noch etwas viel Zermürbenderes gibt:
Wenn die Institution, die angeblich zum Helfen da ist, plötzlich zu einer glatten Wand wird.
Wenn dir niemand offen sagt: „Du lügst“ – aber auch niemand sagt: „Ich sehe dich. Ich
glaube dir.“
Es ist ein Schweigen, das nicht zufällig passiert.
Es ist organisiert.
Institutionalisiert.
Und irgendwann beginnt man zu begreifen: Das Schweigen ist das System.

Es begann mit der Betreuerin, die für mich zuständig war – nennen wir sie hier Frau Kalkül.

Ich hatte einen Vorfall den anderen Mitarbeitern gemeldet, der für mich eine klare
Grenzverletzung darstellte:
psychische Gewalt, ausgeübt von der besagten Mitarbeiterin, die mich verbal
herabgewürdigte und emotional massiv unter Druck gesetzt hatte.

Es war kein Ausrutscher. Kein Missverständnis.
Es war eine gezielte, einschüchternde Machtdemonstration.

 

Doch damit hörte es nicht auf.
Für mich war es über viele Wochen hinweg eine Form psychischer Kontrolle: subtil, aber
beständig.
Ich hatte das Gefühl, manipuliert, emotional verunsichert und klein gehalten zu werden –
mit Andeutungen, mit Schweigen, mit einer ständigen Spannung im Raum.
Ich war ihr ausgeliefert – innerlich aufgewühlt, äußerlich ruhig, wie erstarrt.

Danach war ich wochenlang in einem Zustand der Verwirrung, Angst und Rückzugs.
Und niemand hat etwas gesagt. Niemand hat eingeschritten.

Die eigentliche Gewalt – der Moment, der mich völlig verstört und traumatisiert hat – kam
von einer anderen Betreuerin, nicht der alten.
Aber was dann geschah, war vielleicht noch erschütternder.
Weil es kein einzelner Akt mehr war, sondern ein System:
Das System des institutionellen Beschweigens.
Ich habe es sofort gesagt. Ich habe gesagt, wie schlimm das war. Wie verstörend.
Ich war nicht einfach nur still oder verunsichert – ich war traumatisiert.
Und die Reaktion?
Keine.
Nur betretenes Schweigen.
Oder – noch schlimmer – dieser subtile, überhebliche Blick von: „Das ist mir jetzt zu negativ.“
Eine andere ältere Sozialarbeiterin sagte wörtlich:
„Das ist mir jetzt zu viel, zu stressig.“
Und dann war da noch die älteste von allen.
Die Frau, die so professionell wirkte. Die alles routiniert weglächelt.
Sie hörte zu, nickte, und sagte dann Dinge wie:
„Das ist doch nur Ihre Wahrnehmung.“
Oder schlimmer noch:
„Vielleicht fällt es Ihnen einfach schwer, Realität und Fantasie zu unterscheiden.“
Das war kein Missverständnis.
Das war Gaslighting, auf eine perfide, routinierte, beinahe sadistische Weise.
Ich stand da, völlig klar, mit einem offenen, verletzlichen Satz –
und ihr Reflex war:
Mir die Realität abzusprechen.
Und ringsherum?
Diese fassungslose, lähmende Gleichgültigkeit.
Ein Betreuer, der sonst immer locker war, leicht lächelte, oberflächlicher Smalltalk.
Auch er sah, was da passierte.
Er sagte nichts.
Stattdessen klopfte er mir aufmunternd auf die Schulter und sagte:
„Aber Sie haben ’ne schöne Jacke.“
Und ich stand da und dachte nur:
Können sie das alles nicht besser?
Oder wollen sie nicht?

Ich habe gehofft, ganz ehrlich.

 

Dass es wenigstens auf Leitungsebene jemanden gibt, der zuhört.
Der nicht gleich verteidigt, sondern prüft.
Der nicht sofort schweigt, sondern verstehen will.
Der Leiter, nennen wir ihn hier mal Herr Pappmann – hat mir damals im ersten Gespräch
fast schon verbindlich versichert:
Man werde das alles aufarbeiten.
Die Betreuerin werde konfrontiert.
Es sei noch frisch, aber später würde alles nachvollziehbar gemacht.
Und ich – noch im Schock – wollte das glauben. Ich musste das glauben.
Ich habe vertraut. Ich habe gehofft.
Ich habe sogar versucht, ruhig zu bleiben.
Rational.
Kooperativ.
Konstruktiv.
Aber was dann kam, war keine Aufklärung.
Es war die kalkulierte Kälte einer Institution, die auf Durchzug geschaltet hat.
Und Herr Pappmann?
Saß irgendwann nur noch da –
mit seiner betonten Sachlichkeit,
seinem ruhigen Tonfall,
und einer Stirn, die nicht wirklich dachte,
sondern einfach nur runzelte.
Plötzlich hieß es, er könne sich an nichts erinnern.
Sätze, die ich ganz sicher so gehört hatte –
„das habe ich so nie gesagt“.
Und selbst wenn –
„das wäre ja dann Aussage gegen Aussage“.
So einfach.
So bequem.
So… wirkungslos.
Ich habe selten einen Menschen erlebt,
der mit so viel Selbstzufriedenheit in so wenig Verantwortung verweilt.
Kein Mitgefühl.
Kein Staunen.
Kein Innehalten bei dem Gedanken, dass hier vielleicht wirklich etwas Schlimmes passiert
ist.
Nur kaltes Abwiegeln.
Nur: „Das sehe ich anders.“
Nur: „Da gibt es keine Grundlage.“
Und das war der Moment,
wo ich endgültig verstanden habe,
dass dieses System keine Gewalt mit Fäusten ausübt –
sondern mit leiser Verleugnung.
Mit abgestimmtem Schweigen.
Mit professionell maskierter Ignoranz.
Es haut nicht auf dich ein.
Es gibt dir keine blauen Flecken.
Es lässt dich still ersticken.

 

Und später behauptet es,
du hättest nie wirklich geatmet.

Ich wünschte, es wäre bei der Leitungsebene geblieben.
Aber es hatte viele Gesichter.
Und drei davon werde ich nie vergessen.
Drei, die gegensätzlicher nicht hätten sein können –
und doch auf dieselbe Weise das System verkörperten:
(Nennen wir sie hier in diesem Text mal)
Frau Immerlieb, Frau Eisberg und Frau Gefühlte Fakten.

Zwischen Eisschrank und Kitsch – zwei Gesichter institutioneller Erstarrung

Es ist schwer zu sagen, was schlimmer ist: Wenn auf echten Schmerz nur
Bastelbuch-Romantik folgt – oder wenn gar nichts mehr kommt.
Frau Immerlieb war die erste. Noch jung, freundlich, sanft. Aber auch: vollständig dissoziiert.
Sie sprach mit Erwachsenen wie mit Kleinkindern, liebte Stühle, die man schön hochstellen
sollte, fragte mit rosigen Wangen, ob ich nicht auch mal schön malen will. Wenn man etwas
Echtes sagte – etwas, das nicht in ihre bunte Welt aus Schön und Lieb passte – wurden ihre
Augen groß, fast tränengefüllt. Nicht vor Mitgefühl. Sondern vor Überforderung.
Ich glaube, in ihr war tatsächlich noch ein Rest Gefühl – aber keiner, der durchhalten konnte,
wenn es ernst wurde. Sie funktionierte nur in diesem Parallelkosmos aus „verstehen sich
alle schön“ und „wir basteln uns die Welt, wie sie uns gefällt“. Ein System aus
Holzstühlchen, Filzblumen und Nervenzusammenbruch im Pastellton. Dass ich da nicht
reinpasse – dass ich da verkümmere – wollte offenbar niemand sehen. Ich war ja schließlich
zu ihnen „gesteuert“ worden. Und das System fragt nicht: „Passt er da rein?“ Sondern nur:
„Wo passt er gerade noch so rein, ohne zu viel zu stören?“
Vielleicht ist es unfair. Unfair, sie ausgerechnet dafür zu kritisieren, dass sie nicht zynisch
war. Dass sie nicht gelächelt hat aus Kalkül, sondern aus echter, hilfloser Übersprungsliebe.
Dass sie tatsächlich wollte, dass „sich alle schön verstehen“.
Aber wenn jemand auf psychische Gewalt mit „Wollen Sie sich nicht erstmal hinsetzen und
schön malen?“ reagiert – dann ist das eben nicht nur naiv. Dann ist das gefährlich.
Wenn jemand auf eine reale, detailliert geschilderte Traumatisierung mit glasigen Augen und
weicher Stimme antwortet: „Aber fanden Sie’s denn nicht schön bei uns?“ dann ist das keine
Empathie. Dann ist das ein kindliches Abwehrsystem, verkleidet als Sozialpädagogik.
Und ja – vielleicht wollte sie niemandem etwas Böses. Aber ist das genug? Mit über 30
Jahren? Mit Abschluss. Mit Berufsauftrag.
Wenn jemand Tränen in die Augen bekommt, nicht weil man ihm Gewalt antut, sondern weil
man es wagt, das Wort Gewalt überhaupt auszusprechen – dann ist das ein Bruch. Dann ist
das nicht mehr: „zu sanft“. Dann ist das: unverantwortlich überfordert.

Was diese Szene wirklich zeigt
Das Absurde an solchen Momenten ist nicht nur ihre Skurrilität.
Es ist der Umstand, dass niemand darin etwas Skurriles sieht.
Dass eine Einrichtung, die offiziell zur Stabilisierung und psychischen Unterstützung dienen
soll,
von Menschen geprägt wird, die selbst längst in inneren Fluchten leben –
in Parallelwelten aus „lieb“ und „schön“ und „alle haben sich lieb“.

 

Was wie ein harmloses Missverständnis wirkt, ist in Wahrheit ein systemischer Abgrund:
Menschen, die selbst nie gelernt haben, Ambivalenz auszuhalten,
die in kindlichen Sprachmustern und Watte-Atmosphären Schutz vor der Realität suchen,
werden eingesetzt, um anderen durch Krisen zu helfen.
Nicht als Ausnahme. Sondern als Normalität.
Und wenn dann jemand wie ich auftaucht – zu viel, zu direkt, zu wach –
dann entsteht nicht etwa Neugier oder Reflexion.
Sondern Irritation.
Und dann kommt der Rückzug.
Dann wird die Schublade gesucht,
die man schnell wieder zuschieben kann:
„Der wollte sich nicht einfügen. Der war zu kritisch. Der war nicht bereit.“
Und plötzlich passt nicht mehr die Einrichtung nicht zu mir,
sondern ich nicht zur Einrichtung.
So macht sich ein System unangreifbar.
Indem es seine Defizite als deine Schwächen ausgibt.
Und so geht es immer weiter.
Lächelnd.
Lieb.

Und dann war da Frau Eisberg.
Der Gegenpol zur Tränchen-gelähmten Basteltisch-Wärme.
Sie war nicht überfordert.
Sie war erledigt.
Ein Blick wie Acrylglas,
eine Stimme, die nie schwankte.
Sie sprach wie jemand, der in einem früheren Leben vielleicht mal Mitgefühl hatte –
aber es in der Kantine verlegt und dann vergessen hat.
Während Frau Immerlieb wenigstens noch zuckte, wenn ein Schmerz ausgesprochen
wurde,
blieb Frau Eisberg einfach… kalt.
Nicht in einer klugen, analytischen Weise.
Sondern in dieser Art von Kälte,
die man nur erreicht,
wenn man sich sehr lange sehr erfolgreich vom eigenen Menschsein entfernt hat.
Bei Frau Eisberg war es nicht das Offensichtliche, das Laut-Werden, das
Grenzüberschreiten.
Nein – das eigentlich Verstörende war ihre perfekte Beherrschung der kalten Entwertung.
Auf meine Schilderung von real erlebter psychischer Gewalt reagierte sie nicht etwa
entsetzt,
nicht mit Anteilnahme, nicht einmal mit Rückfragen –
sondern mit diesem trockenen, fast beiläufigen
„Das ist doch nur in Ihrer Fantasie passiert.“
Oder: „Das hat die Kollegin bestimmt nicht so gesagt – oder zumindest nicht so gemeint.“
Ein Satz, gesprochen mit professionellem Tonfall, mit dem Brustton der Vernunft –
und doch ist er ein Schlag ins Gesicht.
Denn was sagt er mir?
Dass das, was mich zutiefst erschüttert hat, in diesem System nicht vorgesehen ist.

 

Dass mein Erleben hier kein Status hat –
es sei denn, es passt in ihre Akte.
Es ist diese Form von Gewalt, die so gefährlich ist,
weil sie nicht wie Gewalt aussieht.
Weil sie sich als Vernunft tarnt.
Und genau deshalb jeden Tag weiterwirken kann.
Sie hörte sich alles an,
schaute einen an wie ein leeres Textfeld im Betreuungsdokumentationsprogramm,
und sagte dann Sätze wie:
„Wir dürfen hier keine Bewertungen vornehmen.“
Oder:
„Bitte versuchen Sie, in Ich-Botschaften zu sprechen.“
Es war die Art von Professionalität,
die nicht heilt – sondern sediert.
Nicht weil sie falsch ist –
sondern weil sie nichts mehr will.
Nicht verstehen.
Nicht helfen.
Nicht einmal verbergen, dass sie nichts mehr fühlt.
Ich weiß nicht, ob Frau Eisberg je jemandem aktiv wehgetan hat.
Aber ich weiß, dass ihr Schweigen wehtat.
Weil es keine Pause war –
sondern das endgültige Statement:
„Was Sie da erleben, interessiert mich nicht.
Aber ich werde so lange nicken,
bis auch Sie irgendwann aufhören, es zu erzählen.“

Und dann war da auch noch diese ältere Sozialarbeiterin – nennen wir sie Frau gefühlte
Fakten.
Das dritte Gesicht der institutionellen Verdrängung.
Nicht kindlich-naiv wie Frau Immerlieb.
Nicht gefühllos sedierend wie Frau Eisberg.
Sondern kontrolliert, ruhig, geübt im Ton –
und dabei vollkommen bereit, aus einer Fantasie eine amtliche Realität zu machen.

Wenn eine „Notlüge“ zum amtlichen Fakt befördert wird

Frau gefühlte Fakten. Königin der Abwiegelung.
Mit ruhiger Stimme behauptete sie plötzlich, mein „Muster“ sei ja schon lange bekannt:
Beim früheren Träger habe es „massive Probleme“ mit mir gegeben.
Oha. Massive Probleme. Das klingt wichtig.
Gut, dachte ich, sehen wir nach.

Also besuchte ich den alten Verein noch einmal – einfach, um sicherzugehen.
Die Leiterin dort erkannte mich sofort, lächelte ein wenig überfordert und sagte ungefähr:
„Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, welche Probleme das gewesen sein sollen.
Sie sind doch damals nur umgezogen. Wir haben Ihren Vertrag sogar noch für die
Übergangsphase verlängert, erinnern Sie sich?“

 

Keine Spur von eingeschüchtertem Personal, keine Warnhinweise an der Wand.
Im Gegenteil: Die Teamkollegen von damals freuten sich, mich zu sehen:
„Ach, schön! Lange nicht da gewesen.
Bleiben Sie doch zum Kaffee um drei.“

Ich nahm dieses schriftliche Dementi plus einen Zeugen,
der gehört hatte, wie die Sozialarbeiterin ihre Behauptung aufstellte,
mit zum Beschwerdedienst.

Die Reaktion dort?
Man nickte höflich, legte die Belege beiseite und meinte sinngemäß:
„Nun ja … ab und zu rutscht halt eine kleine Notlüge raus.
Wo wäre denn da der eigentliche Schaden?“

Ein kurzer Exkurs in die Realität

Eine Fachkraft erfindet ein Problem, das nie existierte.

Der Betroffene widerlegt es schwarz auf weiß – inklusive Zeugen.

Die Beschwerdestelle zuckt die Achseln:
„Halb so wild, weitermachen.“

Wenn es offenbar keinen Unterschied mehr macht,
ob in einer Akte Wahrheit oder Erfindung steht,
dann entsteht etwas Hochgefährliches:
Ein System, in dem die Lüge denselben Wert hat wie die Wahrheit –
solange sie im richtigen Tonfall vorgetragen wird.

Hinter all den wohlklingenden Leitbildern –
„Transparenz“, „Würde“, „Parteilichkeit“ –
gibt es in der Praxis keinen realen Schutz,
sobald Schweigen bequemer ist als Hinschauen.

Genau dort, zwischen „Notlüge“ und „Wo ist der Schaden?“,
sitzt die eigentliche Gewalt:
leise, höflich, systematisch.

Drei Frauen, drei Rollen im Theater der Verdrängung.
Die Naive, die Kühle, die Glatte.
Alle mit einem anderen Tonfall, einer anderen Maske –
aber am Ende dieselbe Botschaft:

„Bitte stören Sie den Betriebsablauf nicht mit Ihrer Realität.“
Das sind die Menschen,
denen man sich mit seiner Geschichte anvertrauen soll.

 

Ich glaube, das war das Verstörendste an all dem:
nicht nur das, was mir passiert ist –
sondern wie alle ringsherum darauf reagiert haben.
Oder besser gesagt: nicht reagiert haben.
Nicht die Betreuerin Eisberg, die auf mein Erschrecken mit sadistischer Genugtuung
reagierte,
die so tat, als wäre ich nicht ganz bei Verstand,
als müsste man mir erklären, dass ich Realität und Fantasie verwechsele –
was für eine grausame, entwürdigende Umkehrung von Schuld.
Nicht die älteren Sozialarbeiter:innen, die wegsahen.
Die, wenn ich sagte „Das war verstörend“, sagten:
„Das ist mir jetzt zu viel.“
„So negativ.“
Oder einfach… nichts.
Nicht einmal der Betreuer, der sonst locker war,
freundlich, fast kumpelhaft –
auch er: ein Schulterklopfen,
ein „Sie haben aber eine schöne Jacke“,
und dann weiter.
Als wäre nichts gewesen.
Als wäre das das Beste, was man tun kann –
und vielleicht auch das Einzige,
wenn man längst selbst abgestumpft ist.
Was bleibt mir von diesem Ort?
Ein Gefühl tiefster Ohnmacht.
Nicht, weil etwas passiert ist –
sondern weil niemand den Mut hatte, es anzusehen.
Weil niemand die Stimme erhoben hat.
Weil alle lieber geschwiegen haben,
um ihre Ruhe zu bewahren.
So sieht Gewalt im System aus.
Nicht laut. Nicht plakativ.
Sondern leise, effizient, institutionalisiert.
Ein System, das funktioniert,
indem es das Leid einzelner Menschen verschluckt –
und dann so tut, als wäre nichts passiert.
Ein System, in dem „Hilfe“ heißt:
sich in Sicherheit bringen vor der Unbequemlichkeit der Wahrheit.
Ein System, in dem Fachkräfte sich für systemrelevant halten,
während sie Teil eines Apparats sind,
der alles tut, um nicht hinsehen zu müssen.

Und es hörte nicht bei Ars Vivendi auf.
Was diese Erfahrung so tiefgreifend gemacht hat, war nicht nur das, was in der Einrichtung
geschehen ist – sondern auch das, was danach nicht geschah.
Ich hatte gehofft, dass wenigstens der sozialpsychiatrische Dienst – der mich dorthin
vermittelt hatte – hinschaut. Hinhört. Etwas unternimmt.

 

Aber das Gegenteil war der Fall.
Es war, als hätte ich ihnen etwas erzählt, das sie auf gar keinen Fall hören wollten.
Plötzlich wurde alles stumm.
Keine Reaktion mehr auf meine Nachrichten.
Kein Gesprächsangebot.
Kein Rückruf.
Nur Schweigen.
Und davor?
Ein Verhalten, das fast noch kälter war als in der Einrichtung selbst.
Da saßen Menschen, die vorgaben, professionell zu helfen –
und übernahmen dann einfach 1:1 die Version des Einrichtungsleiters,
der mich verleugnet, verdreht und allein gelassen hatte.
Was er sagte, wurde zur Wahrheit erklärt –
und alles, was ich schilderte, galt als übertrieben, emotional oder irrelevant.
Und damit war die Sache für sie erledigt.
Für mich aber war da nichts erledigt –
da war nur noch mehr Verletzung, noch mehr Isolation.
Dass mir nicht nur psychische Gewalt widerfahren ist,
sondern dass ich auch mit dem Versuch, sie zu benennen,
völlig alleine dagestanden habe –
das ist etwas, das sich tief eingebrannt hat.
Wie kann es sein,
dass ein sozialpsychiatrischer Dienst –
der genau für solche Fälle da sein sollte –
sich entscheidet, lieber nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu sagen?
Man nennt das „institutionelle Gewalt“.
Ich nenne es: ein Verrat an allem, was „Hilfe“ eigentlich bedeuten sollte.

Ich habe dann versucht, auf anderen Wegen Gehör zu finden.
Ich habe eine öffentliche Rezension auf Google geschrieben –
über die Einrichtung selbst und über den Träger DRK Steglitz-Zehlendorf.
Detailliert, respektvoll, aber klar benennend, was passiert ist.
Es gab keinerlei Reaktion.
Doch dann, zwei Wochen später, geschah etwas Merkwürdiges.
Plötzlich wurden auf alle anderen Bewertungen reagiert.
Wirklich auf jede.
Sogar auf sieben Jahre alte Rezensionen.
Mit den üblichen Floskeln:
„Das tut uns leid, so etwas sollte nicht passieren“,
„Wir geben es ans Team weiter“,
„Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.“
Ein absolutes Bullshit-Bingo,
wie es sich PR-Abteilungen ausdenken, wenn sie hoffen,
dass danach wieder Ruhe einkehrt.
Aber das wirklich Absurde:
Auf meine Bewertung – die Auslöser dieses plötzlichen Reaktionsreflexes war –
kam: nichts.
Gar nichts.

 

Das ist fast schon Kunst.
Unsichtbar machen, was unbequem ist –
selbst wenn es direkt vor ihren Augen steht.
Ich habe dann auch direkt an den Leiter von Steglitz-Zehlendorf geschrieben.
Keine Antwort.
Ich dachte mir:
Vielleicht weiß DRK Berlin selbst nicht, was in einer ihrer Einrichtungen passiert?
Vielleicht gibt es ja dort jemanden,
für den Machtmissbrauch doch ein Thema ist.
Ich habe geschrieben. Ausführlich. Mehrmals.
Wieder: keine Antwort.
Und als ich dann nachhaken wollte – kam eine andere Art von Antwort:
Access denied.
Meine Mailadresse wurde gesperrt.
Abgewiesen. Blockiert. Zugang verweigert.
Es gibt Organisationen,
da bekommt man wenigstens eine Floskel zurück.
Beim DRK Berlin bekommt man eine Firewalldiagnose.
Vielleicht ist das der wahre Leitsatz des Deutschen Roten Kreuzes:
„Was wir nicht beantworten, existiert nicht.“

Oder wie es in den DRK-Leitlinien so schön heißt:
„Wir setzen uns für Menschlichkeit und Würde ein“ –
solange sie nicht in unserer Inbox landen.
Und als ich dachte, mehr Schweigen könne nicht möglich sein – wurde ich einfach
weitergeschoben.

Nachdem ich mich also getraut hatte, über das Erlebte zu sprechen –
nachdem ich einen langen Brief geschrieben, mehrfach versucht hatte, gehört zu werden –
nachdem ich vom sozialpsychiatrischen Dienst erst ignoriert und dann abgeschoben worden
war –
wurde ich an eine neue Einrichtung weitergereicht.
Dort bekam ich einen neuen Betreuer.
Er war selten krank.
Das war wohl sein größter Pluspunkt.
Denn ansonsten machte er exakt das,
was er tun musste –
und nicht ein bisschen mehr.

Ich erinnere mich, wie ich ein Gespräch mit dem Leiter des neuen Vereins hatte:
Er hörte sich meine Geschichte an,
nickte, und lächelte dann milde.
Er wirkte wie jemand,
der gelernt hatte, bei jedem noch so verstörenden Bericht
ein „das klingt natürlich belastend“ einzustreuen –
bevor er zügig zum nächsten Tagesordnungspunkt übergeht.
Ich erinnere mich noch, wie ich ihm sagte,
dass der Leiter von Ars Vivendi nach langem Schweigen

 

dann doch zu einem Gespräch beim Beschwerdedienst kam.
Nicht um Verantwortung zu übernehmen –
sondern um, wie könnte es anders sein,
alles abzustreiten, zu verdrehen
und dann seelenruhig zu sagen:
„Na ja, das ist dann wohl Aussage gegen Aussage.“
Ich erinnere mich, wie ich ihm das erzählte,
in der Hoffnung auf irgendeine menschliche Reaktion.
Und er – dieser neue, milde Leiter –
lächelte verstehend,
und sagte dann mit ruhiger Stimme:
„Ja genau – das wäre ja dann Aussage gegen Aussage.“
Als wolle er sagen:
Richtig! So steht es im Handbuch. So wurde es uns beigebracht.
Nicht fühlen. Nicht zweifeln. Nur durchziehen.

So entmenschlicht ist das System mittlerweile.
So sicher ist man sich darin,
dass die Fassade hält,
solange man freundlich nickt
und auf kein Wort wirklich eingeht.
Ob es Zufall war,
dass ich ausgerechnet dort gelandet bin,
wo man auf diese Weise schweigt, relativiert und weiterleitet?
Oder ob man wusste:
Dort gibt es eine ähnlich dicke Wand aus Schweigen,
und das muss man dann eben „relativieren“.
So wie man es gelernt hat.
Ich weiß es nicht.
Zufall oder Kalkül –
das Ergebnis bleibt das gleiche.

Ich schreibe das nicht nur für mich.
Ich schreibe es,
weil ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin.
Weil ich glaube,
dass andere sich in dem, was ich erlebt habe, wiederfinden werden –
und vielleicht zum ersten Mal spüren:

Ich bin nicht allein.
Ich bilde mir das nicht ein.
Ich bin nicht das Problem –
das System ist es.

Ich habe gefühlt, was andere ignorieren.
Ich habe gesprochen, wo andere schweigen.
Und ich werde nicht aufhören.

 

Vielleicht war ich nie „angepasst“ genug für diese Welt.
Aber wer will schon angepasst sein
an Kälte, Ignoranz und Machtspiele im Kostüm der Hilfe?

Hinweis:
Alle im Text genannten Namen von Personen wurden aus Gründen des
Persönlichkeitsschutzes geändert. Die beschriebenen Erfahrungen beruhen auf realen
Erlebnissen, wurden jedoch so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf konkrete
Einzelpersonen möglich sind.
Ziel dieser Veröffentlichung ist es nicht, Einzelpersonen zu diffamieren, sondern
gesellschaftliche und institutionelle Muster sichtbar zu machen, die für viele Betroffene
relevant sind. Die Texte dienen der Reflexion, Aufklärung und kritischen Auseinandersetzung
mit bestehenden Systemen – und verstehen sich als Beitrag zur öffentlichen Debatte über
psychische Gesundheit, Machtstrukturen und Menschlichkeit.

Für jene, die diesen Text lesen – aber nicht als Betroffene.
Für jene, die in den Systemen arbeiten.
Für jene, die jetzt wütend sind.

Wenn du beim Lesen dieses Textes wütend wirst – dann lies nochmal.

Nicht, weil ich dich belehren will.
Sondern weil Wut oft das erste Anzeichen ist,
dass eine verdrängte Wahrheit dich gerade berührt hat.

Menschen mit offenem Herzen reagieren auf diesen Text mit Betroffenheit, mit Mitgefühl, mit
Zustimmung oder Trauer.
Aber wer ihn als Angriff liest, wer abwertet, wer abwiegelt,
der spürt insgeheim,
dass ich etwas benenne, das er selbst lieber nicht fühlen will.

Vielleicht, weil es dann zu laut wird im eigenen Inneren.
Vielleicht, weil es ein Kartenhaus zum Wackeln bringt.
Vielleicht, weil es weh tut zu erkennen,
was man weggeschoben, mitgetragen, verschwiegen hat.

Dieser Text ist kein Angriff –
aber wer sich getroffen fühlt,
sollte sich fragen:
„Was genau in mir hat da gezuckt?“

 

Und was, wenn es nicht Wahnsinn ist, der da spricht –
sondern etwas, das schon zu lange verdrängt und verschwiegen wurde?

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