Ein paar Gedanken zur BPE-Jahrestagung

Sonntag Nachmittag. Ich sitze am Bahnhof Ostkreuz, noch eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt nach Ludwigslust. Von da nach Menkendorf, meinem Zufluchtsort nach bewegten Jahren. Todmüde bin ich, habe gerade die Jahrestagung des BPE hinter mir. Wie früher kaum geschlafen, denn etliche bewegende Gespräche mit Gleichgesinnten waren wichtiger. Sie alle taten unendlich gut, brauchte ich mich hier doch nicht zu verstellen. Auf dem Dorf ist das leider ganz anders.

Zwanzig Jahre sind vergangen seit meiner letzten Tagung, davon vierzehn echt harte, in denen ich versucht habe, Menschen mit Handicaps aller Art eine schöne Zeit auf meiner Lazy-Horse-Ranch im Emsland zu bereiten.

Aufgeschreckt von einem Bericht im Internet, der von viel Streit in Heidelberg vor zwei Jahren berichtete, hatte ich mir vorgenommen, dem BPE wieder beizutreten und mich in der Selbsthilfe zu engagieren. Daher beschloss ich, erst mal Tagungshelferin zu werden, die werden immer gebraucht.

In Coronazeiten war das eine ungeahnt schwierige Aufgabe. Nicht jeder oder jede ist mit der Testpflicht einverstanden, manch herausforderndes Verhalten am Empfang, an dem ich mit zwei Mitstreitern (ich kann nicht gendern, aber es waren Doris und David) sitze, zeigt uns unsere Toleranzgrenzen auf. Einem Teilnehmer wird der Zugang zur Tagung verweigert. Nur selten habe ich einen Konflikt erlebt, der anfangs so bedrohlich wirkte und der mit so viel Einfühlungsvermögen geschlichtet werden konnte. Für die Profiliga wäre das ein echtes Lehrstück gewesen. Es geht eben auch ohne Gewalt, danke Christian und Matthias.

Mitgliederversammlung. Ich komme verspätet hinzu, habe noch letzte Unterlagen vor der Tür verteilt. Ich wundere mich, dass Matthias Seibt eine ewig lange Liste mit Namen vorliest. Seit wann

wird jeder mit Namen begrüßt? Dann ein echter Schock: Er bittet uns um eine Gedenkminute für die eben erwähnten Verstorbenen. Es scheint sich für uns nicht wirklich viel verbessert zu haben.

Die Tagesordnung wird beschlossen. Schnell wird klar, dass es im Vorfeld Streitereien gab. Ich hetze mit dem Mikrofon von einem zum anderen. Viel zu kurz ist die Zeit zum Dialog, die Fronten sind verhärtet. Das Ende vom Lied: zwei Teilnehmer verlassen schimpfend die Sitzung. Ich finde es sehr schade, auf Leute verzichten zu müssen, die sich wofür auch immer mit großer Kraft eingesetzt haben. Betretenheit ist auf allen Seiten spürbar. Ich kann den Zwist nicht wirklich nachvollziehen, bin nicht gut genug informiert. Ich werde der Versammlung vorschlagen, eine Stelle einzurichten, die in Zukunft versucht, dem Vorstand den Rücken freizuhalten von solchen Konflikten. Transparenz für die Mitglieder ist ein Aspekt, möglicherweise lässt sich manches auch entschärfen. Ich sitze in Mecklenburg am Arsch der Welt und habe Zeit für so etwas. Vor zwanzig Jahren war ich auch mal für kurze Zeit im Vorstand und weiß noch, wie belastend Streit sein kann und wie sehr er oft abhält von Projekten, die wirklich wichtig sind.

Ich habe großartige Gespräche geführt in diesen Tagen, vor allem mit Frauen, die schon Jahrzehnte lang im BPE sind, mich erkundigt nach dem Kulturnetzwerk, nach Mitgliedern in Meck-Pomm. Das Projekt Sorgentelefon für Menschen mit Selbsttötungsgedanken zieht mich besonders an, auch hier hat Covid-19 hart zugeschlagen. Da gibt es eine Menge zu tun. Ich werde mich mit Felix von Kirchbach kurzschließen. Hat mich beeindruckt, der junge Mann. Werde ihm meine Hilfe anbieten.

Dann mein ganz persönlicher Höhepunkt der Tagung: Matthias setzt sich zu mir und wir unterhalten uns lange über die letzten zwanzig Jahre. Er hat durchgehalten, ein einzigartiges Projekt der Krisenzimmer in Bochum realisiert und finanziell abgesichert. Er feiert 30 Jahre Selbsthilfearbeit, seine ganz persönliche. Davor habe ich großen Respekt. Er hat sich kaum verändert, ist vielleicht etwas ruhiger geworden, hat aber weder Humor noch Biss verloren. Die Gespräche auch mit Jurand Daszkowski und mit Karin Haehn hielten so viel Neues, aber auch Vertrautes für mich bereit. Ich habe mich lange nicht mehr so ungezwungen unterhalten können.

Ich wohne schon sechs Jahre in Mecklenburg. In den letzten zwei Jahren habe ich Schriftstellerei studiert, hänge noch die Drehbuchautorin hinten dran. Ich möchte meinen Entwicklungsroman schreiben, über meine eigene Entwicklung und die ausgebliebene der Psychiatrie innerhalb der letzten 25 Jahre.

Es tut sich viel in unseren Kreisen. Ich habe mit Leuten gesprochen, die den Mut noch nicht verloren haben, die Filmprojekte angehen wollen, Kultur vernetzen wollen. Ich habe Frauen gesprochen, die sich für hässlich halten und gar nicht merken, wie schön sie sind durch den Mut, mit dem sie tagtäglich mit ihren Schwierigkeiten kämpfen. Ihr habt so viel Tolles zu sagen und teilt Eure Erfahrungen mit anderen, wie ermutigend! Lasst uns viel mehr darüber reden in der SHG vor Ort, am Telefon oder im Netz. Lasst uns teilhaben an den Lösungswegen, die wir alle immer wieder suchen müssen und auch finden. Vergessen wir auch die dunklen Seiten nicht, wie es sich anfühlt, hilflos niedergespritzt und ans Bett fixiert, durstig und bis obenhin nassgepisst auf eine bessere Zeit zu warten.

Was für eine tolle Tagung. Hoffentlich ein neuer Aufbruch auch für mich. Mein Zug kommt.

Autorin: Astrid Braune

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